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Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen haben massiv zugenommen

In bewaffneten Konflikten weltweit werden Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen und Gesundheitspersonal zunehmend als strategisches Mittel eingesetzt. Auch staatliche Akteure missachten vermehrt das humanitäre Völkerrecht, das solche Angriffe verbietet.

Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen sind in den letzten Jahren deutlich häufiger geworden. Im Bild die durch einen russischen Raketenangriff zerstörte Frauenklinik in Dnipro/Ukraine. Bild: Adobe Stock / Victoria Kotlyarchuk
Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen sind in den letzten Jahren deutlich häufiger geworden. Im Bild die durch einen russischen Raketenangriff zerstörte Frauenklinik in Dnipro/Ukraine. Bild: Adobe Stock / Victoria Kotlyarchuk

Zuletzt berichteten Medien immer wieder über Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen, die im Rahmen von bewaffneten Konflikten stattfanden und häufig viele Opfer forderten. Vor allem die Angriffe, die im Rahmen des Gazakrieges geschahen, erhielten viel Aufmerksamkeit, wurden in den Medien kritisiert und von internationalen Organisationen und einzelnen Ländern verurteilt.

In der Schweiz bewegten diese klar illegalen Angriffe Gesundheitsfachpersonen zu verschiedenen Aktionen, um auf die Situation aufmerksam zu machen und von der offiziellen Schweiz Massnahmen zu verlangen. Unter anderem beteiligten sich während der Herbstsession 2025 in Bern rund 40 Gesundheitsfachpersonen an einem symbolischen Hungerstreik.

Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen fanden und finden aber nicht nur in Nahost statt, sondern auch in anderen bewaffneten Konflikten weltweit. Gemäss aktuellen Zahlen des Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA), die im Oktober 2025 in einem Artikel des British Medical Journal (BMJ) zusammengefasst wurden, haben sich die Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen und ‑personal in bewaffneten Konflikten zwischen 2020 und 2024 nahezu verdreifacht. Besonders betroffene Konfliktgebiete sind der Sudan, Myanmar, der Libanon, die Ukraine und die palästinensischen Gebiete. Oft komme es vor, dass Spitäler zweimal kurz hintereinander bombardiert werden, um die Rettungskräfte, die nach dem ersten Schlag in Erscheinung treten, zu treffen. Die Bombardierung von Spitälern führe gar dazu, dass Patientinnen und Patienten aus Angst vor Angriffen den Gang ins Spital vermeiden, wie BMJ berichtet. Die BMJ-Autorinnen und -Autoren kommen deshalb zum Schluss, dass die Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen zunehmend ein Teil von Kriegsstrategien geworden sind.

Mehrheitlich staatliche Akteure

Diese Einschätzung teilt auch Mario Behrens, der als Politikwissenschaftler für die Schweizerische Friedensstiftung (swisspeace) und die Universität Basel arbeitet. Angriffe auf Gesundheitsinfrastruktur und ‑personal seien kein neues Phänomen, sagt er. Solche habe es auch im 19. und im 20. Jahrhundert schon gegeben. Neu sei aber das Ausmass, das in den vergangenen fünf bis zehn Jahren massiv zugenommen habe. Zudem erfolgten die Angriffe viel systematischer. Besonders besorgniserregend: «Früher gingen diese Angriffe zu etwa gleichen Teilen von nicht staatlichen und staatlichen Akteuren aus, heute sind es aber in der Mehrzahl Letztere, die solche Angriffe durchführen. Dabei müsste man eigentlich davon ausgehen, dass sich staatliche Akteure eher an völkerrechtliche Bestimmungen halten.»

Gründe für diese Entwicklung sieht Behrens mehrere: Seit 2010 habe die Zahl der bewaffneten Konflikte weltweit generell zugenommen. Die Konflikte werden tendenziell komplexer, mit mehr involvierten Akteuren, und sie spielen sich zunehmend in teilweise städtischen Siedlungsgebieten ab, zum Beispiel in Gaza. Zudem habe der Respekt vor dem internationalen Völkerrecht immer mehr abgenommen. «Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen sind gemäss Völkerrecht klar und in jedem Fall illegal. Trotzdem finden sie statt – aber die Angreifenden werden nur in wenigen Fällen zur Rechenschaft gezogen.»

Verstösse gegen das Völkerrecht benennen

Um die Situation zu verbessern, erwähnt Behrens verschiedene Möglichkeiten: «Einerseits muss der Druck auf internationaler Ebene unbedingt aufrechterhalten werden. Es muss klar sein und auch immer wieder festgehalten werden, dass Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen und ‑personal gegen das Völkerrecht verstossen. Andererseits müssen wir versuchen, die Angriffe so gut und umfassend wie möglich zu dokumentieren – in diesem Bereich gibt es nach wie vor Verbesserungspotenzial.» Es gebe aber auch sehr pragmatische Massnahmen, z. B. das Verlegen von Krankenhäusern unter die Erde, was in Syrien teilweise gemacht wurde – mithilfe von ausländischen Organisationen.

Melanie Premstaller, die als Ärztin bereits im Irak, im Sudan, im Jemen und zuletzt Ende 2024 in Gaza im Einsatz war, ist ebenfalls überzeugt, dass die Zerstörung von Gesundheitsinfrastruktur von Konfliktparteien strategisch eingesetzt wird. «Ich selbst habe die massiven Schäden an verschiedenen Spitälern im Gazastreifen gesehen», sagt sie, «inklusive der gezielten Zerstörung medizinischer Apparaturen, die nicht durch reine Kollateralschäden zu erklären sind.»

Verheerende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung

Die Angriffe wirken sich verheerend aus, denn Gesundheitseinrichtungen seien während bewaffneter Konflikte noch wichtiger als in Friedenszeiten: «Nicht nur die Anzahl an verletzten Personen nimmt zu, sondern auch die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung ist aufgrund erschwerter Lebensbedingungen zusätzlich gefährdet», sagt Premstaller. Die Kapazitäten des Systems würden durch die Zerstörung von Einrichtungen und die Tötung von Gesundheitspersonal zusätzlich dezimiert, deshalb seien die Toten und Verletzten durch Angriffe stets nur die Spitze des Eisbergs: «Die Zahl der Menschen, die während eines Krieges an den Folgen eigentlich behandelbarer Erkrankungen wie Lungenentzündungen, Diabetes und Herz- oder Tumorerkrankungen sterben, bleibt unbekannt, ist aber in vielen Kontexten wahrscheinlich deutlich höher.»

Um die Entwicklung zu stoppen, ist es gemäss Premstaller entscheidend, dass die internationale Gemeinschaft wachsam bleibt: «Wir dürfen nicht wegschauen und zulassen, dass Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen und die Tötung von Gesundheitspersonal zur neuen Norm werden. Ich finde die Entwicklung hin zu dieser neuen Realität, in der die Bombardierung eines Spitals in einem Kriegsgebiet inzwischen, wenn überhaupt, nur noch eine Randnotiz darstellt, erschreckend. Die internationale Staatengemeinschaft sieht ohnmächtig zu, wie internationale Vereinbarungen offen missachtet werden, und die Kriegsparteien lernen, dass keine Konsequenzen zu erwarten sind.»

Auch für vsao-Präsident Severin Baerlocher ist klar: «Diese Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen – egal, wo sie geschehen – sind unerträglich und richten unermesslichen Schaden auf vielen Ebenen an. Sie sind ein klarer Verstoss gegen das humanitäre Völkerrecht. Ich hoffe sehr, dass die internationale Gemeinschaft einen Weg findet, um das humanitäre Völkerrecht besser zu schützen. Die Schweiz hat durch die Genfer Konventionen eine besondere Rolle und soll sich aktiv für deren Respektierung in allen Konfliktgebieten einsetzen. Auch wir Ärztinnen und Ärzte müssen uns mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln dafür einsetzen.»

Quellen, Links und Dokumente