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Sexuelle Belästigung in der Medizin: Ergebnisse einer Schweizer Studie
Knapp ein Drittel des ärztlichen Personals hat schon einmal sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt, oft sogar mehrfach. Gemeldet wird ein Grossteil der Fälle jedoch nicht – und wenn doch, hat die Meldung in einem von drei Fällen keinerlei Massnahmen zur Folge. Dies zeigt eine neue Studie von Lausanner Forschenden.
15.01.2026
In einer im Herbst 2025 durchgeführten Studie befragten Forschende des Universitätsspitals Lausanne (CHUV) in Zusammenarbeit mit dem Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und ‑ärzte (vsao) Schweizer Ärztinnen und Ärzte zu ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Von den 1837 Teilnehmenden, darunter 1290 Frauen und 531 Männer, gaben 31,3 Prozent an, bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt zu haben. Sexuelle Belästigung hat, wie andere Formen der Diskriminierung auch, negative Folgen für die Betroffenen; darunter einen Verlust der Arbeitsfreude, Unaufmerksamkeit, emotionale Erschöpfung und in einigen Fällen sogar den vollständigen Ausstieg aus dem Berufsleben. Ziel unserer Studie war es, die Häufigkeit, Arten, Ursachen, Folgen und das Meldeverhalten von Ärztinnen und Ärzten in Bezug auf sexuelle Belästigung zu untersuchen. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, das Bewusstsein von Fachkräften und Einrichtungen im Gesundheitswesen sowie der Gesellschaft allgemein zu schärfen und Massnahmen zu entwickeln, um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu verringern.
Methodik der Studie
Im Rahmen einer anonymen Umfrage zur Diskriminierung in der Medizin wurden auch die oben genannten persönlichen Erfahrungen und Einstellungen im Zusammenhang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz sowie demografische Informationen von Ärztinnen und Ärzten in der Schweiz erhoben. Der vsao verbreitete die Umfrage über seinen Newsletter und über seine Social-Media-Kanäle (LinkedIn, Instagram, Facebook). Sie wurde über einen Zeitraum von drei Monaten im Herbst 2025 durchgeführt.
Wie oft werden Ärztinnen und Ärzte sexuell belästigt?
Insgesamt gaben 575 der 1837 (31,3 Prozent) Teilnehmenden an, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt zu haben. Dabei war der Anteil der Ärztinnen, die solche Erfahrungen machen mussten, dreimal so hoch wie der ihrer männlichen Kollegen (Abbildung 1).
Beinahe die Hälfte aller betroffenen Personen gab an, dass sie solche Erfahrungen nicht nur einmal, sondern mehrmals gemacht hat: 33,8 Prozent mehrmals pro Jahr, 5,7 Prozent mehrmals pro Monat, 1,8 Prozent mehrmals pro Woche und 1,1 Prozent mehrmals am Tag.
Dabei zeigt sich, dass die Häufigkeit erlebter sexueller Belästigung in den Altersgruppen zwischen 25 und 64 Jahren recht konstant bei 31 Prozent bleibt. Lediglich Personen unter 25 Jahren und solche über 64 Jahre berichteten seltener davon (0 bzw. 10 Prozent).
Die Umfrage ergab zudem, dass sexuelle Belästigung nicht auf einzelne Fachgebiete beschränkt ist, sondern Kernfachgebiete der Medizin betrifft: Allgemeine Chirurgie (37,4 Prozent), Pädiatrie (35,7 Prozent), Innere Medizin (32,8 Prozent), Psychiatrie und Psychotherapie (30,1 Prozent), Anästhesiologie/Intensivmedizin (30,0 Prozent), Allgemein- bzw. Hausarztmedizin (29,8 Prozent). Dass sexuelle Belästigung gerade in der Chirurgie ein bekanntes Problem darstellt, unterstreichen noch höhere Zahlen aus England. So ergab beispielsweise eine Studie im Vereinigten Königreich aus dem Jahr 2022, an der 756 chirurgische Mitarbeitende des englischen National Health Service teilnahmen, dass die Mehrheit der Frauen (63,3 Prozent) sexuelle Belästigung durch Kollegen erlebt hat, ebenso wie ein erheblicher Anteil der Männer (23,7 Prozent) [1].
Wie tritt sexuelle Belästigung auf, und von wem geht sie aus?
Die häufigste Form sexueller Belästigung, welche berichtet wurde, war verbale Belästigung; 55,1 Prozent aller betroffenen Personen berichteten davon. Körperliche sexuelle Belästigung gaben 13,4 Prozent an. Sowohl körperliche als auch verbale Belästigung erfuhren 31,4 Prozent. Die Umfrage ermöglichte es, in einem offenen Textfeld anonym die Formen erlebter sexueller Belästigung zu beschreiben. Häufig berichtet wurden sexistische Bemerkungen, anzügliche oder romantische Kurznachrichten per Handy, unerwünschte Küsse und Berührungen. Gerade verbale Belästigung bleibt häufig unerkannt und wird bagatellisiert, daher braucht es gerade hier eine stärkere Sensibilisierung.
Es wurde auch gefragt, von welchen Personengruppen die sexuellen Belästigungen ausgingen. Dabei rangiert an erster Stelle die eigene Berufsgruppe: 46,7 Prozent der Ärztinnen und Ärzte berichteten, dass die sexuellen Belästigungen von ärztlichen Kollegen bzw. Kolleginnen ausgingen. Häufig nannten sie auch sexuelle Belästigung durch Patientinnen und Patienten (42,3 Prozent) sowie durch Vorgesetzte (41 Prozent). Dagegen gaben mit 20 Prozent deutlich weniger Personen an, von Fachkräften nicht ärztlicher Berufsgruppen (etwa aus der Pflege) sexuell belästigt worden zu sein (Abbildung 2).
Worunter leiden die Betroffenen?
Sexuelle Belästigung kann für die Opfer mit verschiedensten Formen des Leidens verbunden sein. 60,3 Prozent der sexuell belästigten Personen, die an dieser Studie teilnahmen, berichteten, dass sie dadurch unter Stress litten. Weiter nannten sie emotionale Erschöpfung (34,7 Prozent), Motivationsmangel (30,0 Prozent) und Konzentrationsschwierigkeiten (22,2 Prozent). Für manche hat die sexuelle Belästigung auch gravierende berufliche Folgen: 5 Prozent der Teilnehmenden gaben an, dass sie wegen sexueller Belästigung zeitweise nicht zur Arbeit gehen konnten und Fehlzeiten aufwiesen, 7,5 Prozent mussten gar ihren Arbeitsplatz verlassen bzw. wechseln (Abbildung 3).
Die freien Textantworten liefern qualitative Einblicke in die enormen emotionalen Belastungen der Opfer, wobei oft Gefühle wie Wut, Frustration und Ohnmacht formuliert wurden. Einige beschrieben, dass sie durch die sexuelle Belästigung ihr Vertrauen in Vorgesetzte verloren hätten. Andere schilderten ihre Ängste, mit bestimmten Kollegen oder Kolleginnen weiterhin zusammenzuarbeiten. Die Befragten erwähnten auch Schlafstörungen, Enttäuschung und ein tiefes Gefühl von Ungerechtigkeit.
Wie gehen Betroffene und Institutionen damit um?
Auf die Frage, ob sie die erlittene sexuelle Belästigung gemeldet hätten, antwortet eine grosse Mehrheit mit Nein (71 Prozent). Weniger als ein Drittel (29 Prozent) der Opfer meldete die Geschehnisse Dritten gegenüber. Dieses Schweigen war bei betroffenen Männern (78,8 Prozent) sogar noch häufiger anzutreffen als bei betroffenen Frauen (69,8 Prozent).
Die Hauptgründe, sexuelle Belästigung trotz vielfach bestehender Melde- und Anlaufstellen nicht zu melden, sind vielfältig: Beinahe zwei Drittel (63,8 Prozent) der Ärztinnen und Ärzte, die sich gegen eine Meldung entschieden hatten, äusserten ihre Skepsis, ob eine Meldung zu sinnvollen Massnahmen führen würde. Möglicherweise mussten sie bereits die frustrierende Erfahrung oder Beobachtung machen, dass eine Meldung von sexueller Belästigung zu keinen hinreichenden Massnahmen geführt hatte. Eine wesentliche Konsequenz unserer Studie sollte es daher sein, Melde- und Berichtsverfahren so zu prüfen und zu verbessern, dass sie eine bessere Prävention sexueller Belästigung gewährleisten und Opfer sich ihnen wirklich anvertrauen können.
Es gibt weitere Gründe, weshalb Ärztinnen und Ärzte die erlebte sexuelle Belästigung nicht melden: 30,2 Prozent haben die Sorge, als schwach, Aufmerksamkeit suchend oder als Opfer wahrgenommen zu werden; 26,5 Prozent fühlen sich von Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzten oder ihrer Institution nicht ausreichend unterstützt; 27,3 Prozent wussten gar nicht, an wen sie sich nach einer sexuellen Belästigung wenden könnten. Aus den Freitextantworten geht hervor, dass auch die Angst vor Vergeltungsmassnahmen ein gewichtiger Grund für das Schweigen war, da viele Täter als Arbeitgeber oder Vorgesetzte Machtpositionen innehatten.
Wenn Ärztinnen und Ärzte die erlebte sexuelle Belästigung meldeten, so taten sie dies überwiegend gegenüber ihren Vorgesetzten oder ihren Kolleginnen bzw. Kollegen, wobei es je nach Arbeitsumfeld auch offizielle Anlaufstellen in der Personalabteilung bzw. der Leitung der Institution, der man angehört, waren. Erwähnt wurde auch CLASH, ein von Medizinstudierenden gegründetes Kollektiv gegen sexistische Haltungen in Spitälern [2]. Die Frage, ob die Person oder Institution, der sie die Belästigung gemeldet hatten, weitere Massnahmen ergriffen habe (z. B. eine Untersuchung oder Schutz-, Präventions- oder juristische Massnahmen), bejahten 62,6 Prozent der Betroffenen: Mehr als ein Drittel (37,4 Prozent) berichteten, dass nach der Meldung keinerlei Massnahmen ergriffen worden seien.
Welche Schlussfolgerungen können gezogen werden?
Die schweizweite Erhebung unter einer grossen Stichprobe von Ärztinnen und Ärzten hat gezeigt, dass sexuelle Belästigung ein erhebliches Problem in der Medizin darstellt. Die Umfrage hat vor allem die Seite der Opfer beleuchtet, ihre Leiden infolge sexueller Belästigung aufgezeigt und deutlich gemacht, weshalb sie die existierenden Melde- und Anlaufstellen vielfach nicht nutzen.
Künftige Anstrengungen in Forschung und Praxis sollten darauf gerichtet sein, die Ursachen hinter sexueller Belästigung auszuleuchten sowie wirksame Präventionsmassnahmen zu evaluieren und umzusetzen. Gewiss sind die Ursachen vielschichtig und komplex, sodass auch an unterschiedlichsten Stellen anzusetzen ist. Dies beginnt bei der Aus-, Fort- und Weiterbildung in Medizin und Gesundheitsberufen, aber wahrscheinlich auch schon viel früher in der Bildung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen. Neben wirksamen Sensibilisierungsprogrammen wird es darauf ankommen, funktionierende Meldewege und effektive Unterstützungssysteme einzuführen. Zentral für Medizin und Gesundheitswesen dürfte es sein, eine neue Arbeitskultur zu fördern, die trotz Stress, Zeitdruck und emotionaler Belastung von respektvollen Beziehungen geprägt ist. Hierarchisches Machtdenken, überkommene Professionsmuster und inhumane Rahmenbedingungen auf Meso- und Makroebene sind gewiss wesentliche Hindernisse auf diesem Weg.
Was können Betroffene tun?
Wer selbst von sexueller Belästigung, Mobbing oder Diskriminierung am Arbeitsplatz betroffen ist, hat diverse Möglichkeiten, Hilfe zu suchen. Der vsao zeigt in seiner Broschüre zum Thema, welche Schritte wichtig und möglich sind und welche Anlaufstellen helfen können. Weitere Informationen: vsao.ch/arbeitsbedingungen/diskriminierung
Literatur/Anmerkungen
- Begeny CT et al. (2023) Sexual harassment, sexual assault and rape by colleagues in the surgical workforce, and how women and men are living different realities: observational study using NHS population-derived weights. BJS 110(11):1518-1526.
- Siehe etwa www.clash-lausanne.ch oder www.clash-zuerich.ch.