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Svalbard Global Seed Vault – eine Arche Noah für Saatgut aus aller Welt

Nördlich des Polarkreises, auf der Insel Spitzbergen, werden in einem Bunker tief im Innern eines Berges fast 1,4 Millionen Saatgutproben gelagert. Dort sollen sie vor Naturkatastrophen, Flugzeugabstürzen und sogar vor Atomkriegen geschützt sein. Wann dies wichtig sein kann, zeigt ein Fall aus einem Krisengebiet.

Dank des Permafrostbodens bleiben die Samen im Svalbard Global Seed Vault auch bei einem Ausfall des Kühlsystems gefroren. Bild: NordGen
Dank des Permafrostbodens bleiben die Samen im Svalbard Global Seed Vault auch bei einem Ausfall des Kühlsystems gefroren. Bild: NordGen

Pflanzengenetische Ressourcen bilden die Basis für die Entwicklung verbesserter Kulturpflanzensorten. Sie sind damit eine Voraussetzung für die Agrarforschung und Pflanzenzüchtung, die es zur Sicherung der künftigen Nahrungsmittelversorgung braucht. Die Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie benötigen neue und angepasste Kulturpflanzensorten, um auf Schädlinge, Krankheiten und Umweltveränderungen einschliesslich des Klimawandels reagieren zu können und die Nahrungsmittelproduktion für eine wachsende Weltbevölkerung zu steigern.

Genbanken auf der ganzen Welt konservieren pflanzengenetische Ressourcen und stellen diese für berechtigte Zwecke zur Verfügung. Diese Genbanken sind Teil des globalen Systems zur Erhaltung pflanzengenetischer Ressourcen. Viele Genbanken sind jedoch anfällig für verschiedene Arten von Naturkatastrophen, interne Unfälle wie Brände, Kriege und Konflikte oder auch einfach für einen Mangel an Mitteln.

Da diese genetischen Ressourcen von hohem Wert sind, braucht es Vorsichtsmassnahmen, um ihren Schutz zu gewährleisten. Eine wichtige und recht einfache Sicherheitsmassnahme besteht darin, Proben des genetischen Materials an mehr als einem Ort aufzubewahren. Der Svalbard Global Seed Vault, der weltweite Saatguttresor Spitzbergen, bietet eine sichere Lagerung duplizierter Samenproben aus Genbanken weltweit.

Lagerung von Saatgut in der Arktis

Die Geschichte des weltweiten Saatguttresors Spitzbergen begann 1984 auf dem Archipel Spitzbergen, als die Nordic Gene Bank erste «Sicherungskopien» von Samen in einem Kohlebergwerk ausserhalb der Stadt Longyearbyen auf der Insel Spitzbergen im Permafrostboden konservierte.

Die nordische Lösung fand international grosse Beachtung, und nach fast zwei Jahrzehnten der Diskussion über mögliche Optionen und Pläne baute die norwegische Regierung – ermutigt durch internationale Organisationen, Genbanken und Länder – den Svalbard Global Seed Vault, der am 26. Februar 2008 eröffnet wurde.

Sein Hauptziel besteht darin, Genbanken einen sicheren Ort für die Aufbewahrung von Duplikaten ihrer Saatgutsammlungen zu bieten. Im Laufe der Jahre hat der Saatguttresor auch wesentlich dazu beigetragen, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, wie wichtig die Erhaltung und Nutzung pflanzengenetischer Ressourcen ist.

Der Global Seed Vault ist Eigentum Norwegens und wird in Zusammenarbeit zwischen dem norwegischen Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung, dem Nordic Genetic Resource Centre (NordGen), das als gemeinsame Genbank und Wissenszentrum für genetische Ressourcen in den nordischen Ländern fungiert, und dem Global Crop Diversity Trust, dem Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt, verwaltet. Die norwegische Regierung garantiert die Sicherheit der Samen und deren langfristige Verwaltung. NordGen ist für die Verwaltung und den Betrieb im Zusammenhang mit den Saatgutdepots verantwortlich.

Eine Anlage tief im Berg

Der Global Seed Vault unterscheidet sich von dem früheren nordischen Sicherheitslager im Kohlebergwerk, da er in einem unberührten Felshang ohne Kohleschichten errichtet wurde. Die Anlage besteht aus einem etwa 80 Meter langen Tunnel, einer Vorhalle und drei Saatgutkammern, die jeweils für die Lagerung von rund 1,5 Millionen Saatgutproben ausgelegt sind. Der Saatguttresor befindet sich 130 Meter über dem Meeresspiegel.

Die künstliche Kühlung sorgt dafür, dass die Temperatur im Saatgutlager bei –18 °C gehalten wird, was den Genbankstandards der «Food and Agriculture Organization of the United Nations» (FAO) für die langfristige Konservierung von Saatgut entspricht. Der Permafrostboden mit einer Temperatur von etwa –3 °C sorgt dafür, dass das Saatgut auch bei einem Ausfall des Kühlsystems gefroren bleibt.

In den ersten Jahren hatte der Saatguttresor mit Problemen durch eindringendes Wasser im Eingangstunnel zu kämpfen. Es ist bekannt, dass der Klimawandel zu einer Erwärmung des Klimas in der Arktis führen wird. Um in Zukunft schwerwiegendere Probleme durch eindringendes Wasser zu vermeiden, wurde 2019 ein neuer, wasserdichter Eingangstunnel gebaut. Das Modernisierungsprojekt umfasste auch ein neues Technikgebäude in der Nähe des Eingangs zum Saatguttresor, neue Kühlmaschinen sowie fortschrittliche Sicherheits- und Überwachungssysteme.

Bedingungen für die Aufbewahrung im Saatguttresor

Die Konservierung von Saatgut im Global Seed Vault ist ein kostenloser Service. Alle nachhaltigen Genbanken, die ihre genetischen Ressourcen für Forschung, Züchtung und Bildung zur Verfügung stellen, sind eingeladen, Duplikate ihrer Saatgutsammlungen in Spitzbergen zu konservieren.

Die im Tresor konservierten Samen werden gut getrocknet, in wasserdichte Beutel verpackt und in versiegelten Saatgutboxen gelagert. Die hinterlegten Samen bleiben Eigentum der jeweiligen Genbank. Die Samen können auf Anfrage zurückgegeben werden, grundsätzlich jederzeit, wenn die Samen von der Eigentümergenbank benötigt werden.

NordGen unterhält eine Webportal-Datenbank, in der transparente Daten zu allen hinterlegten Saatgutproben, hinterlegenden Institutionen, Arten, Herkunftsländern usw. angezeigt werden und die öffentlich einsehbar ist.

Status der Sammlungen im Saatguttresor

Seit seiner Eröffnung vor 18 Jahren hat sich der Svalbard Global Seed Vault als voller Erfolg erwiesen. Anfang 2026 hatten 131 Genbanken aus 88 verschiedenen Ländern Sicherheitsproben ihres Saatguts im Tresor hinterlegt. Dabei handelt es sich um internationale Agrarforschungszentren, nationale und regionale Genbanken sowie Genbanksammlungen von Universitäten, Züchtungs- und Forschungsinstituten und Nichtregierungsorganisationen. Derzeit umfasst der Bestand des Saatguttresors 1 378 238 Saatgutproben, die 6521 verschiedene Arten repräsentieren.

Eine erste Bewährungsprobe

Bislang hat nur eine Genbank die Rückgabe von hinterlegten Samen beantragt. Im Jahr 2015 startete das Internationale Zentrum für Agrarforschung in Trockengebieten (ICARDA) ein umfassendes Programm zur Wiederaufnahme der Genbankaktivitäten und Saatgutsammlungen, die zuvor in Aleppo, Syrien, aufbewahrt wurden. Glücklicherweise wurden grosse Teile der Saatgutsammlung in Aleppo bereits vor dem Krieg – zwischen 2008 und 2014 – im globalen Saatguttresor deponiert, insgesamt 116 484 Proben. Mit der Eskalation des Syrienkonflikts wurde spätestens 2015 deutlich, dass die Genbank in Aleppo nicht mehr funktionsfähig und bedroht war.

Zwischen 2015 und 2019 zog ICARDA alle in Aleppo hinterlegten Proben zurück und baute auf deren Grundlage neue Genbankanlagen in den ICARDA-Einheiten im Libanon und in Marokko auf.

Mit erheblicher Unterstützung des Crop Trust realisierte ICARDA ein ehrgeiziges Programm zur Vermehrung aller Saatgutbestände, die ursprünglich in der Genbank von Aleppo konserviert und in Spitzbergen dupliziert worden waren. Bis Ende 2025 wurden neue funktionsfähige Genbanken im Libanon und in Marokko eingerichtet. Zudem konnte ICARDA 125 000 Saatgutproben wieder im Global Seed Vault hinterlegen, wobei ein Grossteil dieses Materials mit Saatgut aus Spitzbergen vermehrt worden war.

Glücklicherweise brauchten bislang noch keine anderen Genbanken Samen aus dem Tresor. In den letzten Jahren haben jedoch aufgrund der weltweit instabileren politischen Lage, Umweltveränderungen, der zunehmenden Bedeutung pflanzengenetischer Ressourcen und nicht zuletzt der erfolgreichen Entnahme von Samen durch ICARDA immer mehr Genbanken ihre Samen in Spitzbergen gesichert. Weitere Genbanken und Länder sind in Vorbereitung – und das ultimative Ziel ist es, dass alle einzigartigen Proben pflanzengenetischer Ressourcen, die in Genbanken aufbewahrt werden, dupliziert und im weltweiten Samentresor Spitzbergen gesichert werden.