- Fokus: polar
Gleich und gleich gesellt sich gern – oder ziehen sich doch eher Gegensätze an?
Machen Ähnlichkeiten eine Beziehung glücklich? Oder ist es die Polarität, die sie spannend bleiben lässt? Einige Antworten.
10.02.2026
«Ich verstehe gar nicht, warum Markus und Kathrin zusammen sind. Die haben doch gar nichts gemeinsam.»
Aussagen wie diese zeigen deutlich unsere Annahmen über die Bedeutung von Ähnlichkeit für das Gelingen einer Beziehung. In vielen Sprachen finden sich Redewendungen, die diese Vorstellung aufgreifen – etwa «Gleich und gleich gesellt sich gern», «Birds of a feather flock together» oder «Qui se ressemble s’assemble». Ebenso häufig wird jedoch das Gegenteil betont, nämlich dass gerade Unterschiede anziehend wirken: «Gegensätze ziehen sich an», «Opposites attract», «Les contraires s’attirent». Doch was zeigt die Forschung tatsächlich?
Wo liegen die grössten Gemeinsamkeiten?
Studien belegen, dass Partnerinnen und Partner sich in vielen Bereichen ähneln – wenn auch unterschiedlich stark. Die grössten Gemeinsamkeiten finden sich bei demografischen Merkmalen wie Alter, Bildung und sozioökonomischem Status (r = .40–.90), gefolgt von Einstellungen (r = .40–.70), Gewohnheiten und Hobbys (r = .20–.50), physischer Attraktivität und Gesundheit (r = .30–.40) sowie Fähigkeiten und Intelligenz (r = .20–.40).* Bei Persönlichkeitseigenschaften wie den Big Five – Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität – sowie Bindungsstil oder Selbstwert sind die Zusammenhänge hingegen deutlich geringer (meist unter r = .30) [1].
Diese Ergebnisse zeigen also, dass sich Partnerinnen und Partner durchaus in vielen Lebensbereichen ähneln. Doch was bedeutet das für die Qualität und Stabilität ihrer Beziehung? Sind solche Gemeinsamkeiten wirklich ein Schlüssel zum langfristigen Glück, oder sind es doch eher die Unterschiede? Während frühere Studien noch dafür sprachen, dass ähnlichere Partnerinnen und Partner glücklicher sind als unähnliche, zeigen neuere Befunde, dass Ähnlichkeit selbst keinen signifikanten Effekt auf die Zufriedenheit hat [2]. Die unterschiedlichen Ergebnisse erklären sich durch die Methodik: Frühere Studien berücksichtigten die individuellen Eigenschaften der Partnerinnen und Partner nicht. Wenn zum Beispiel Personen mit hohem Selbstwert ohnehin zufriedener in Beziehungen sind, kann leicht der Eindruck entstehen, dass die Ähnlichkeit im Selbstwert entscheidend sei – obwohl es in Wahrheit der Selbstwert selbst ist, der die Zufriedenheit erklärt. Neuere Analysen zeigen daher: Nicht die tatsächliche Ähnlichkeit oder die Polarität ist ausschlaggebend, sondern ob jemand Eigenschaften besitzt, die grundsätzlich zu einer höheren Beziehungszufriedenheit beitragen.
Gemeinsame Werte als Geheimrezept?
Wie steht es jedoch um die gefühlte Ähnlichkeit? Manchmal empfinden wir eine Person, die uns angeblich ähnelt, als unsympathisch, während wir uns einer eher andersartigen Person erstaunlich verbunden fühlen. In der Forschung zeigt sich, dass wahrgenommene Ähnlichkeit tatsächlich positiv mit der Beziehungszufriedenheit zusammenhängt, insbesondere in Bezug auf Werte und Lebensstil, gefolgt von romantischen Präferenzen und Einstellungen [2]. Qualitative Untersuchungen stützen diese Ergebnisse: Paare, die seit über 40 Jahren verheiratet sind, nennen gemeinsame Werte – neben Commitment, Altruismus, guter Kommunikation, Kompromissbereitschaft und Durchhaltevermögen – am häufigsten als ihr Geheimrezept für eine lange, glückliche Beziehung [3]. Besonders oft werden dabei religiöse und politische Überzeugungen sowie gemeinsame Werte in der Kindererziehung erwähnt.
Lebenspläne frühzeitig abgleichen
Was heisst das nun konkret für eine Partnerschaft? Es ist empfehlenswert, dass Partnerinnen und Partner früh in ihrer Beziehung überprüfen, ob ihre grundlegenden Überzeugungen übereinstimmen und sie sich das Gleiche vom Leben erhoffen. Einfamilienhaus und Kinder oder doch eher Weltreise und Unabhängigkeit? Lebensentwürfe können teilweise sehr unterschiedlich aussehen. Um möglichst glücklich durch das Leben zu gehen, hilft es, gemeinsam in eine Richtung zu blicken.
Variable Charaktereigenschaften erschweren klare Antwort
Ganz abschliessend lässt sich die Frage nach der Bedeutung von Ähnlichkeit in Partnerschaften jedoch noch nicht beantworten. Bisherige Studien erfassen Ähnlichkeit meist zu einem einzigen Zeitpunkt. Neuere Forschung zeigt aber, dass selbst relativ stabile Eigenschaften wie die Big Five im Alltag variieren [4]. Kaum jemand ist in jeder Situation gleich offen, gewissenhaft oder ausgeglichen. Persönlichkeit verändert sich je nach Kontext.
Es lohnt sich daher, Persönlichkeit und Beziehungsprozesse im Alltag genauer zu betrachten. Ein vielversprechender Ansatz ist die sogenannte Experience-Sampling-Methode, bei der Paare wiederholt kurze Befragungen zu ihrer momentanen Situation und ihrem Erleben beantworten. Ein aktuelles Beispiel ist die AMOR-Studie der Abteilung für Diagnostik und Differentielle Psychologie der Universität Freiburg i. Br. unter der Leitung von Prof. Janina Larissa Bühler (siehe auch Kasten). Ab Januar 2026 werden dort 750 Paare unterschiedlichen Alters bis zu vier Jahre lang begleitet. Durch wiederkehrende Smartphone-Befragungen zu Persönlichkeit, Lebensereignissen und Alltagserleben sollen neue Erkenntnisse über das Zusammenspiel von Persönlichkeit und Beziehung gewonnen werden – mit Relevanz sowohl für die Forschung als auch für die Praxis.
Anhand von Forschung wie dieser können wir künftig noch besser beantworten, ob und in Bezug auf welche Eigenschaften tatsächlich «Gleich und gleich gesellt sich gern» zutrifft – oder ob doch eher gilt: «Gegensätze ziehen sich an.»
Studienteilnehmende gesucht
Möchten Sie bei der AMOR-Studie der Universität Freiburg, die das Zusammenspiel von Persönlichkeit und Beziehung untersucht, mitmachen? Die Teilnahme ist flexibel und digital möglich. Paare erhalten eine grosszügige Aufwandsentschädigung sowie ein individuelles Feedback zu ihrer Persönlichkeit und Beziehung über die Zeit. So leisten Teilnehmende nicht nur einen wertvollen Beitrag zur Wissenschaft, sondern können auch persönlich von den Erkenntnissen profitieren.
Sollten Sie Interesse an der Teilnahme an der Studie haben oder die Studie an interessierte Personen aus Ihrem Umfeld weiterleiten wollen, finden Sie alle Informationen zum Ablauf und zur Anmeldung unter: www.amor-studie.de
Literatur
- Luo, S. (2017). Assortative mating and couple similarity: Patterns, mechanisms, and consequences. Social and Personality Psychology Compass, 11(8), Article e12337. doi: 10.1111/spc3.12337
- From, A., Diamond, E., Kafaee, N., Reynaga, M., Edelstein, R. S., & Gordon, A. M. (2025). Does similarity matter? A scoping review of perceived and actual similarity in romantic couples. Journal of Social and Personal Relationships, 42(10), 2780–2802. doi: 10.1177/02654075251349720
- Heim, C., & Heim, C. (2023). «How did you stay together so long?» Relationship longevity, a cross-generational qualitative study. Journal of Marital and Family Therapy, 49(4), 781–801. doi: 10.1111/jmft.12656
- Fleeson, W., & Law, M. K. (2015). Trait enactments as density distributions: The role of actors, situations, and observers in explaining stability and variability. Journal of Personality and Social Psychology, 109(6), 1090–1104. doi: 10.1037/a0039517