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Polarisierung und soziale Medien
Soziale Netzwerke spielen eine zentrale Rolle in der Verbreitung von Informationen, doch ihre Funktionsweise kann die Polarisierung von Meinungen begünstigen. Verstehen wir diese Mechanismen, können wir Desinformationen besser erkennen und der Polarisierung entgegenwirken.
10.02.2026
Zahlreiche Themen wie Impfungen, Pandemie, reproduktive Gesundheit oder das Lebensende lösen in sozialen Netzwerken starke Reaktionen aus. Polarisierende Inhalte und Desinformation finden darin weite Verbreitung, untergraben das Vertrauen in Fakten und verschärfen gesellschaftliche Spaltungen. Dies verstärkt Gegensätze und die Wahrnehmung von Polarisierung. Doch welche Mechanismen liegen dieser Dynamik zugrunde? Und wie lässt sie sich begrenzen?
Polarisierung: Definition und zugrunde liegende Dynamik
Polarisierung bezeichnet einen Prozess, bei dem sich kollektive Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen zunehmend gegenüberstehen und die Gesellschaft in antagonistische Gruppen spalten. Auf individueller Ebene zeigt sie sich durch eine Radikalisierung von Positionen, eine sehr starke Identifikation mit der eigenen Gruppe und die Delegitimierung gegensätzlicher Meinungen [1].
Polarisierung kann eine affektive Dimension annehmen, wenn sich gegensätzliche Gruppen nicht nur in ihren Ideen unterscheiden, sondern gegenseitig Feindseligkeit und Antipathie entwickeln. Wut, mangelnde Empathie oder sogar Genugtuung über die Schwierigkeiten der anderen Gruppe stehen im Kontrast zur Sympathie gegenüber der eigenen [2]. Diese emotionsgeleitete Gruppenbindung verstärkt die Polarisierung.
Kognitive Verzerrungen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle [1]. Menschen neigen dazu, Informationen zu bevorzugen, die die eigenen Überzeugungen stützen, und widersprechende zu ignorieren (Bestätigungsfehler / confirmation bias). Dadurch entsteht eine Illusion von Objektivität, die die kritische Distanz begrenzt und dazu verleitet, eigene Verzerrungen zu unterschätzen. Zudem entwickeln Individuen häufig Stereotype über die gegnerische Gruppe.
Und schliesslich sind Menschen motiviert, die Überzeugungen und Normen ihrer Gruppe zu verteidigen, was Unterschiede verstärkt und die Offenheit gegenüber abweichenden Perspektiven einschränkt.
Starke Emotionen sind überrepräsentiert
Das Geschäftsmodell sozialer Netzwerke, das auf der Erfassung und Monetarisierung von Aufmerksamkeit beruht, trägt zur Polarisierung bei [3]. Inhalte, die starke Emotionen auslösen oder moralische Urteile mobilisieren, erzeugen mehr Engagement und werden daher von Algorithmen bevorzugt [4]. Dieser Mechanismus führt zu einer Überrepräsentation emotional aufgeladener Botschaften und erhöht künstlich die Sichtbarkeit extremer Positionen. Nuancierte Inhalte, die weniger Reaktionen erzeugen, werden hingegen benachteiligt [5].
Analog dazu steigern Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen das Onlineengagement erheblich: Das Kritisieren, Lächerlichmachen oder Angreifen des gegnerischen Lagers löst Wut und Empörung aus und erhöht so die Polarisierung [6]. Diese Verhaltensweisen dienen auch dazu, die eigene ideologische Zugehörigkeit zu signalisieren und Loyalität zu stärken [3]. Die relative Anonymität der Plattformen fördert schliesslich enthemmte und feindselige Verhaltensweisen, die dort oft ausgeprägter sind als in direkten Face-to-Face-Interaktionen [7].
Aktive Minderheit sorgt für Grossteil der Inhalte
Soziale Netzwerke ziehen zudem Personen an, die – teils aus ideologischen, politischen oder wirtschaftlichen Interessen – gezielt Desinformationen verbreiten. Teilen Nutzerinnen und Nutzer sowie Influencer, Prominente oder politische Verantwortungsträger diese Inhalte, verleiht ihnen dies einen Anschein von Legitimität und beschleunigt ihre grossflächige Verbreitung.
Zudem produziert eine sehr aktive Minderheit den Grossteil der Inhalte, während die Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzer still bleibt und passiv konsumiert [8]. So waren in den USA zwölf Personen für 65 Prozent der geteilten COVID-19-Impf-Desinformation verantwortlich [9], während 10 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer 97 Prozent der Tweets zur US-Politik auf Twitter im Zeitraum von 2018 bis 2019 generierten [10]. Diese Konzentration verstärkt bestimmte Diskurse künstlich und nährt die Illusion einer stark polarisierten Gesellschaft, da extreme Botschaften überproportional sichtbar sind und als repräsentativer und akzeptierter wahrgenommen werden, als sie tatsächlich sind.
Eine weitverbreitete Annahme ist, dass soziale Netzwerke die Polarisierung verstärken, insbesondere weil sie sogenannte Echokammern schaffen – Umgebungen, in denen Menschen überwiegend mit Standpunkten konfrontiert werden, die ihren eigenen ähneln. Wenn viele Personen innerhalb solcher Räume miteinander interagieren, neigen sie dazu, sich einander anzunähern und abweichende Meinungen zu meiden, was das Netzwerk schrittweise in gegensätzliche Lager spaltet [11]. Während einige Studien zeigen, dass Inhalte vor allem innerhalb homogener Gruppen zirkulieren [4], weisen andere darauf hin, dass Individuen durchaus auch mit gegensätzlichen Positionen konfrontiert werden, diese Konfrontation jedoch paradoxerweise zu einer weiteren Verstärkung polarisierter Einstellungen führen kann [12].
Auswirkungen auf die Gesundheit
Konsumieren Menschen oft polarisierte Inhalte, fördert dies dichotomes, vereinfachendes Denken und kann Stress, psychische Belastungen sowie die Toleranz gegenüber Vorurteilen erhöhen [5, 13].
Ebenfalls schwächt Polarisierung in sozialen Netzwerken das Vertrauen in Expertinnen und Experten sowie Gesundheitsinstitutionen. Dies kann das Befolgen von Empfehlungen erschweren und verwandelt bestimmte Gesundheitsverhaltensweisen – etwa das Tragen von Masken – in Identitätsmarker. Polarisierung kann somit die öffentliche Gesundheit sowie das psychische und körperliche Wohlbefinden von Individuen beeinträchtigen [14].
Wie lässt sich die Polarisierung in sozialen Netzwerken reduzieren?
Polarisierung ist keine Unvermeidbarkeit. Es gibt konkrete Massnahmen, um sie zu verringern und ihre negativen gesundheitlichen Folgen zu begrenzen.
Wichtig dabei ist, dass Menschen lernen, Informationen kritisch zu bewerten [15], verlässliche Quellen zu identifizieren und die emotionalen sowie identitätsbezogenen Mechanismen viraler Inhalte zu verstehen.
Das sogenannte Prebunking bereitet Menschen darauf vor, typische manipulative Strategien wie emotionale Übertreibungen oder falsche Kausalitäten bereits vor der Exposition zu erkennen und ihnen zu widerstehen [15]. Debunking hingegen korrigiert Fehlinformationen nachträglich durch klare und evidenzbasierte Erklärungen [15].
Zudem verbessern verhaltensbezogene Anreize, etwa Erinnerungen, Quellen vor dem Teilen zu überprüfen, die Qualität der verbreiteten Inhalte. Empathiebasierte Interventionen können zusätzlich dazu beitragen, die Verbreitung hasserfüllter oder irreführender Inhalte zu verringern. Diese zielen darauf ab, die Perspektive der betroffenen Personen zu verdeutlichen und den Sender daran zu erinnern, dass sein Verhalten anderen Schaden zufügen kann [16]. Zudem zeigt die Forschung, dass Menschen die Ablehnung durch politische Gegengruppen systematisch überschätzen und die Korrektur dieser Fehleinschätzung negative Einstellungen deutlich reduziert [12].
Für den individuellen Schutz bedeutet dies insbesondere: Quellen prüfen und bewusst kurze Pausen bei emotional aufgeladenen Inhalten einlegen – denn virale, populäre oder häufig geteilte Inhalte sind nicht unbedingt korrekt oder repräsentativ für die Realität. Jüngere Generationen benötigen hierfür frühzeitige Medienkompetenz und die Fähigkeit, typische Manipulationsmuster, Desinformation und partielle oder irreführende Informationen zu erkennen, emotionale Selbstregulation und Empathie zu entwickeln und konstruktiv in Dialoge über Gesundheitsinformationen zu treten.
Darüber hinaus stärkt transparente Kommunikation der Behörden, gestützt auf glaubwürdige Botschafterinnen und Botschafter, das Vertrauen der Öffentlichkeit und fördert die Befolgung gesundheitlicher Empfehlungen [14].
Und schliesslich ist die Zusammenarbeit mit sozialen Plattformen wichtig, um die Sichtbarkeit polarisierender Inhalte und die Verbreitung von Desinformationen zu begrenzen und eine verlässlichere, nuanciertere Information zu fördern [14]. Hierfür bieten sich neue algorithmische Ansätze an, die Inhalte hervorheben, die positive Resonanz aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen erhalten und damit extreme, empörungsgetriebene Beiträge weniger sichtbar machen [12].
Literatur
- Jost, J. et al., «Cognitive – motivational mechanisms of political polarization in social-communicative contexts», Nature Reviews Psychology, 2022. doi: 10.1038/s44159-022-00093-5.
- Zaki, J., «Empathy: A motivated account», Psychological Bulletin, 2014. doi: 10.1037/a0037679.
- Van Bavel, J. et al., « Social Media and Morality », Annual Review of Psychology, 2024. doi: 10.1146/annurev-psych-022123-110258.
- Brady, W. et al., «Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks», Proceedings of the National Academy of Sciences, 2017. doi: 10.1073/pnas.1618923114.
- Robertson, C. et al., «Morality in the anthropocene: The perversion of compassion and punishment in the online world», PNAS Nexus, 2024. doi: 10.1093/pnasnexus/pgae193.
- Rathje, S. et al., «Out-group animosity drives engagement on social media», Proceedings of the National Academy of Sciences, 2021. doi: 10.1073/pnas.2024292118.
- Nitschinsk, L. et al., «The Disinhibiting Effects of Anonymity Increase Online Trolling», Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, 2022. doi: 10.1089/cyber.2022.0005.
- Oswald, L. et al., «The Tip of the Iceberg: How the Social Media Production-Consumption Gap Distorts Public Opinion for Citizens and Researchers», OSF, 2025. doi: 10.31235/osf.io/frcv5_v1.
- Center for Countering Digital Hate (CCDH). The Disinformation Dozen, 2021. https://counterhate.com/research/the-disinformation-dozen (17.12.2025).
- Atske, S., «National Politics on Twitter: Small Share of U.S. Adults Produce Majority of Tweets», Pew, 2019. https://www.pewresearch.org/politics/2019/10/23/national-politics-on-twitter-small-share-of-u-s-adults-produce-majority-of-tweets/ (17.12.2025).
- Thurner, S. et al., «Why more social interactions lead to more polarization in societies», Proceedings of the National Academy of Sciences, 2025. doi: 10.1073/pnas.2517530122.
- Bail, C., «Breaking the Social Media Prism: How to Make Our Platforms Less Polarizing», 2021.
- Bilewicz, M. & Soral, W., «Hate Speech Epidemic. The Dynamic Effects of Derogatory Language on Intergroup Relations and Political Radicalization», Political Psychology, 2020. doi: 10.1111/pops.12670.
- Van Bavel, J. et al., «Political Polarization and Health», Nature Medicine, 2024. doi: 10.1038/s41591-024-03307-w.
- Van der Linden, S. et al., «Using Psychological Science to Understand and Fight Health Misinformation: An APA Consensus Statement», American Psychologist, 2025. doi: 10.1037/amp0001598.
- Hangartner, D. et al., «Empathy-based counterspeech can reduce racist hate speech in a social media field experiment», PNAS, 2021. doi: 10.1073/pnas.2116310118.