• Aufgefallen

Was Schreiben und Psychotherapie verbindet

Der Psychiater Dominic Germanier hat im Oktober seinen ersten Roman «Anstehen» veröffentlicht. Was ihm das Schreiben bedeutet und was sein Haupt- und Nebenjob gemeinsam haben, erzählt er im Gespräch.

«Anstehen» ist der Erstling des Basler Psychiaters Dominic Germanier, hier an seinem Arbeitsplatz in der Psychiatrie Baselland. Bild: Stephanie Naujoks, Psychiatrie Baselland
«Anstehen» ist der Erstling des Basler Psychiaters Dominic Germanier, hier an seinem Arbeitsplatz in der Psychiatrie Baselland. Bild: Stephanie Naujoks, Psychiatrie Baselland

Dominic Germanier, an vier Tagen pro Woche arbeiten Sie als Psychiater, ein Tag ist fürs Schreiben reserviert. Wie hat sich diese Aufteilung ergeben?

Ich habe schon in meiner Kindheit viel geschrieben. Ich konnte es damals noch nicht so kontextualisieren, aber es war für mich ein Weg, um mich mit mir selbst und der Welt auseinanderzusetzen. Während der Assistenzzeit hörte ich damit auf, weil ich schlichtweg keine Zeit hatte. Ich merkte jedoch, dass es mir fehlt. Deshalb habe ich in der Psychiatrie eine 80-Prozent-Stelle angetreten und mir einen Tag fürs Schreiben freigehalten. Zumindest bis vor Kurzem – bis ich Vater geworden bin – hat das gut funktioniert.

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Wie muss man sich den Schreibprozess vorstellen?

Das ist nicht bei allen gleich. Manche haben eine sehr konkrete Vorstellung, bevor sie beginnen. Ich hingegen hatte anfangs nur eine Einstiegsszene im Kopf, die mich nicht mehr losliess: Menschen, die auf etwas warten müssen, das nicht allen zugänglich ist – im Buch die «Aktualisierung». Und damit verbunden ein Ohnmachtsgefühl, wie es viele beispielsweise in der Coronapandemie erlebt haben, als es noch nicht genügend Impfstoffe gab. Die weitere Geschichte entwickelte sich eher spontan. Schreiben hat für mich etwas Assoziatives, manchmal fast Unbewusstes. Dies bedeutet aber auch, dass ich das Geschriebene immer wieder auf seine Kohärenz überprüfen und anpassen muss.

Inwiefern beeinflussen sich Ihre Tätigkeiten als Psychiater und Psychotherapeut sowie Ihr Schreiben gegenseitig?

Ich verwende keine konkreten Erlebnisse aus meinem Berufsalltag in meinen Texten. Die Verbindung zwischen den beiden Tätigkeiten liegt eher auf einer Metaebene, und sie weisen einige Parallelen auf. So beispielsweise beim hermeneutischen Verstehen: Sowohl in der Psychotherapie als auch beim Schreiben entwickle ich aus einzelnen Fragmenten ein Gesamtnarrativ, das lebt und sich immer wieder verändern kann. Eine weitere Gemeinsamkeit ist der Zugang zu den Menschen. Ich habe mich schon immer gerne in literarische Figuren hineinversetzt und denke, dass mir diese Fähigkeit auch in der Therapie zugutekommt. Und schliesslich bin ich es gewohnt, dass es in der Psychotherapie viel Geduld braucht und Rückschläge normal sind. Dieses Durchhaltevermögen hat mir geholfen, wenn es beim Schreiben geharzt hat, und auch bei der Suche nach einem Verlag – denn das war nicht ganz einfach.

Zum Roman «Anstehen»

Dominic Germaniers Debütroman «Anstehen» erzählt von Paul, der, wie viele andere, in der Schlange für die «Aktualisierung» steht. Dabei lernt er Lena kennen, die zur Begleiterin durch das ganze Buch wird. In vierzig in absteigender Reihenfolge angeordneten Kapiteln erleben sie Freude, Trauer, Unsicherheit und Hoffnung, manchmal alles aufs Mal. Seine Ausbildung zum Psychiater kann Dominic Germanier beim Schreiben nicht verheimlichen, muss er aber auch nicht.