- Forschung und Praxis
Unfälle beim Wintersport: Wie handeln?
Rund 3,5 Millionen Menschen zieht es im Winter auf die Schweizer Skipisten – entsprechend häufig kommt es zu Unfällen. Wie sollten Ärztinnen und Ärzte reagieren, wenn sie zufällig Zeuginnen oder Zeugen eines Unfalls werden?
10.02.2026
In den Wintermonaten herrscht bei der Schweizerischen Rettungsflugwacht Rega Hochbetrieb. An manchen Tagen fliegt sie Einsatz um Einsatz – zwischen 1700 und 3000 verunfallte Wintersportlerinnen und ‑sportler bringt sie pro Saison ins Spital [1]. Diese Zahl stellt jedoch nur einen Bruchteil der rund 62 000 Menschen dar, die sich gemäss Schätzungen der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) jährlich beim Ski- und Snowboardfahren verletzen und ärztlich behandelt werden müssen. Am häufigsten meldete der Pistenrettungsdienst im Winter 2024/2025 Verletzungen am Knie (35 Prozent), gefolgt von Schultergürtel und Oberarm (19 Prozent), Unterschenkel und Fuss (12 Prozent), Schädel/Hirn (10 Prozent) sowie Arm (ohne Oberarm) und Hand (9 Prozent) [2].
Sind Ärztinnen und Ärzte privat auf der Piste unterwegs und bei einem Unfall zufälligerweise in der Nähe, können sie einiges unternehmen, um präklinische Vorarbeit zu leisten und damit der Rega – oder anderen Rettungsdiensten – die Arbeit zu erleichtern.
Sicherheit geht vor
- Sichern Sie als Erstes die Unfallstelle oder, noch besser, delegieren Sie dies ab: Abgesperrte Pistenbereiche lassen sich mit gut sichtbar aufgestellten, gekreuzten Skiern markieren.
- Sind Mitarbeitende des Pistenrettungsdienstes vor Ort, übernehmen sie diese Aufgabe.
Lageeinschätzung und Erkennen von kritischen Patientinnen und Patienten
- Verschaffen Sie sich rasch einen Überblick über die Situation: Braucht es aller Voraussicht nach medizinische Hilfe aus der Luft, oder genügt die bodengestützte Rettung durch den Pistenrettungsdienst?
- Untersuchen Sie die verletzte Person gemäss xABCDE-Schema: So lassen sich kritische Patientinnen und Patienten schnell erkennen und strukturiert behandeln.
- Das «x» steht für potenziell lebensbedrohliche Blutungen (scharfe Ski-/Snowboardkanten!), die als Erstes behandelt werden.
- Eine kritische Patientin oder ein kritischer Patient wird definiert durch einen verlegten Atemweg (A-Problem), Atemstörungen (B-Problem), Blutungen im Bereich der 4B (Brust/Thorax, Bauch/Abdomen, Becken, Beine/Femuren; C-Problem) oder (vorübergehende) Bewusstlosigkeit (D-Problem).
Alarmierung der Rettungsdienste
- Bei kritischen Patientinnen und Patienten sollte die Rega unverzüglich alarmiert werden – delegieren Sie dies wenn möglich ab, damit Sie sich uneingeschränkt um die verletzte Person kümmern können. Sollten Sie die alarmierende Person sein, dann geben Sie Auskunft zu Ort und Zeit des Unfalls, Anzahl Verletzter, Art der Verletzungen und Wetter (Sicht, Niederschlag, Wind). Sollten Sie unsicher sein, welche Informationen wirklich notwendig sind: Keine Sorge, die Einsatzleitzentrale wird diese am Telefon systematisch abfragen.
- Bei weniger schwerwiegenden Fällen soll primär der Pistenrettungsdienst alarmiert werden. Die Kontaktdaten finden Sie auf dem faltbaren Pistenplan, auf der Website des Skigebiets oder oft auch auf Pistenmarkierungen wie Begrenzungspfosten. Mitarbeitende der Pistenrettungsdienste verfügen mindestens über eine Ausbildung nach IVR-Stufe 1 (vergleichbar mit First Responder BLS/AED) und bringen grundlegendes Equipment mit. Sie leisten Erste Hilfe bzw. unterstützen Sie dabei und entscheiden, welches Rettungsmittel am schnellsten und sinnvollsten ist.
- Grundsätzlich ist es jedoch auch möglich, bei Unsicherheit über die Schwere der Verletzung die Rega immer direkt zu alarmieren. Die Einsatzleiterinnen und ‑leiter der Rega koordinieren dann – wenn nötig – mit dem Pistenrettungsdienst die Bergung und das weitere Vorgehen. Nützlich ist dabei die Rega-App: Bei der Alarmierung über diese App wird der aktuelle Standort des Geräts automatisch an die Einsatzzentrale übermittelt, zudem ist es mit der App möglich, für eine andere Person zu alarmieren, die den Standort geteilt hat – ein wertvoller Zeitgewinn im Notfall.
Erste Hilfe: xABCDE
- Blutungen können mit vorhandenem Material (Schal, Taschentücher etc.) mit einem improvisierten Druckverband gestillt werden. Starke Blutungen können mittels Tourniquet-Methode (z. B. mit einem Gürtel) gestillt werden.
- Machen Sie die Atemwege frei (aufpassen bei Kaugummis im Mund).
- Folgen Sie dem weiteren Algorithmus, indem Sie die Atemfrequenz beachten, die Rekapillarisierungszeit oder einen Puls evaluieren und das Bewusstsein prüfen.
- Sollten Sie eine bewusstlose Person ohne suffiziente oder mit unklarer Atmung antreffen, beginnen Sie nach Alarmierung (oder nach deren Delegation) mit der Reanimation, bis weitere Hilfe eintrifft.
- Bringen Sie bewusstlose, aber selbstständig atmende Personen in eine stabile Seitenlage, achten Sie darauf, dass der Atemweg offen bleibt, und überprüfen Sie, ob der Luftstrom durch Nase oder Mund spürbar ist.
Weiteren Schaden vermeiden
Hypothermie stellt im Winter ein erhebliches Risiko dar. Schützen Sie die Patientin bzw. den Patienten deshalb vor der Kälte.
- Wärmen Sie die verletzte Person: Bedecken Sie ihren Kopf bzw. lassen Sie den Helm auf.
- Allenfalls vorhandene Wärmesäckchen und eine Rettungsfolie sind am effizientesten, wenn sie möglichst körpernah, d. h. unter der Jacke, und nicht über/auf den Patienten bzw. die Patientin gelegt werden. Nach Möglichkeit sollte der Patient bzw. die Patientin auch gegen Wärmeverlust zum Boden hin geschützt werden.
Bei Kollisionen
Die häufigste Unfallursache auf der Skipiste sind selbst verursachte Stürze. Kollisionen sind eher selten, haben aber häufig schwerere Verletzungen zur Folge.
- Hier ist in jedem Fall sofortige Unterstützung durch die Luftrettung und den Pistenrettungsdienst wichtig, und zwar vor der Behandlung von Patientinnen und Patienten.
- Triagieren Sie die Beteiligten: regungslose, schwer verletzte Personen haben Vorrang.
- Bei Kollisionen ist es zudem wichtig, Personalien von Beteiligten und Zeugen aufzunehmen, Ort, Zeit und Hergang der Kollision zu notieren und dabei auch Gelände-, Schnee- und Sichtverhältnisse zu berücksichtigen.
Wertvolle Unterstützung der Rettungsdienste
«Auch wenn zufällig anwesende Ärztinnen und Ärzte auf der Piste kaum medizinische Ausrüstung bei sich haben, können sie mit ihrem Wissen den entscheidenden Unterschied machen», sagt Andrea Kyburz, Notärztin und Ärztliche Leitung Helikopter-Einsatz Rega. «Und auch bei leichteren Unfällen kann es für die Betroffenen und die Anwesenden sehr beruhigend sein, wenn schon vor dem Eintreffen der Rettungsdienste eine Fachperson da ist.»
Literatur
- Schweizerische Rettungsflugwacht Rega. Hilfe für verunfallte Schneesportlerinnen und Schneesportler. www.rega.ch/wintersportunfaelle (8.1.2026).
- Meier D, Bürgi F. Verletztentransporte im Schneesport, 2024/25. Bern: BFU, Beratungsstelle für Unfallverhütung; 2025. Forschung. doi: 10.13100/BFU.2.577.01.2025.