- Studie zum Fokus
Eisbaden: eine kühle Analyse der Evidenz
Das Baden in eiskaltem Wasser erfreut sich immer grösserer Beliebtheit. Doch ist der Sprung ins kühle Nass für die Allgemeinbevölkerung wirklich so gesund, wie uns in den sozialen Medien gezeigt wird? Eine systematische Übersichtsarbeit von 2025 hat sich dieser Frage angenommen.
10.02.2026
Die Popularität des Eisbadens ist ungebrochen. Auf den geläufigen Plattformen wie TikTok und Co. legen sich immer mehr Leute in kaltes Wasser. Dies häufig mit der Begründung, das Eisbad verbessere die physische und mentale Gesundheit, sei entzündungshemmend, erhöhe die metabolische Rate und wirke sich positiv auf unsere kognitiven Fähigkeiten aus. Ein Trend, der auch in der Konsumwelt sichtbar ist: So berichtete Amazon, dass 2022 die Verkäufe von speziellen Eisbadewannen innerhalb von nur zwölf Monaten von unter 1000 auf über 90 000 in die Höhe geschnellt seien.
Während das Eisbaden in der sportlichen Regeneration gut erforscht ist, sind seine Auswirkungen auf die allgemeine Gesundheit bislang unklar. Die systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Cain et al. [1] adressiert diese Forschungslücke, indem sie elf randomisierte klinische Studien (RCTs) mit insgesamt 3177 Teilnehmenden analysiert, um die psychologischen, kognitiven und physiologischen Auswirkungen des Eisbadens zu bewerten. Dabei hat das Autorenteam alle geltenden Richtlinien zum Design und Verfassen von systematischen Reviews berücksichtigt und eine methodologisch robuste Studie präsentiert.
Studie zum Fokus
In der Serie «Studie zum Fokus» stellen wir pro Ausgabe eine zum Schwerpunktthema passende Studie vor. Dabei greifen wir Randthemen, ungewöhnliche Fragestellungen oder überraschende Ergebnisse auf, die Denkanstösse liefern, Diskussionen anregen oder auch einmal mit einem Augenzwinkern gelesen werden können.
Die kalten, harten Fakten
Die Ergebnisse zeichnen ein faszinierend komplexes Bild:
- Eisbaden löst eine akute Entzündungsreaktion aus, mit signifikanten Anstiegen der Leukozyten bis zu einer Stunde nach der Immersion – was den populären Behauptungen einer entzündungshemmenden Wirkung direkt widerspricht. Jedoch spiegeln diese Anstiege wahrscheinlich eher metabolische Reaktionen wie Glykogenolyse wider als systemische Entzündungen.
- Interessant ist auch die zeitliche Stressreaktion: Es gab keine signifikanten Effekte bei den gemessenen Zytokinen und anderen Stressmarkern unmittelbar nach der Exposition. Zwölf Stunden nach dem Eisbad zeigte sich jedoch vorübergehend eine substanzielle Reduktion der Marker. Laut den Autoren deutet dieser verzögerte Effekt auf einen Übergang von anfänglicher sympathischer Aktivierung zu parasympathischer Dominanz hin.
- Hinsichtlich der Immunität fand die Metaanalyse keine signifikanten akuten Veränderungen bis zu einer Stunde nach dem Eisbad. Allerdings berichtete die grösste im Review eingeschlossene Studie, die indes nur narrativ ausgewertet werden konnte, über eine 29-prozentige Reduktion krankheitsbedingter Absenzen in der Interventionsgruppe. Dies, obwohl die tatsächlichen Krankheitstage unverändert blieben – was interessante Fragen zum Zusammenspiel von Eisbaden, Krankheitswahrnehmung, Arbeitsplatzverhalten und Immunfunktion aufwirft.
- Die Schlafqualität verbesserte sich bei Personen, die das Eisbad nach einem Hitzetraining nahmen. Die Lebensqualitätswerte zeigten lediglich eine bescheidene Erhöhung. Enttäuschenderweise blieb die Stimmung unverändert – im Gegensatz zur Nicht-RCT-Evidenz, die nahelegt, dass Eisbaden das emotionale Wohlbefinden steigert.
Die klinische Schlussfolgerung
Die Effekte des Eisbadens sind stark zeitabhängig und variieren je nach Outcome, was pauschale Empfehlungen verfrüht erscheinen lässt. Zudem leidet die Evidenzbasis unter erheblichen Einschränkungen: kleine Stichproben in den meisten Studien, überwiegend männliche Teilnehmer (nur eine Studie schloss Frauen ein!), kurzfristige Nachbeobachtung und beträchtliche Protokoll-Heterogenität (Temperaturen reichten von 7 bis 15 °C, Dauer von 30 Sekunden bis 2 Stunden).
Das Fazit ist deshalb nicht so klar wie das Eiswasser: Eisbaden zeigt zwar Potenzial für verzögertes Stressmanagement und Schlafunterstützung, die aktuelle Evidenz stützt den bestehenden Hype jedoch nicht. Zukünftige Forschung benötigt grössere, diverse Stichproben, die Langzeiteffekte, Dosis-Wirkungs-Beziehungen und Sicherheitsprofile untersuchen. Bis dahin sollte man dem Kältebad mit angemessener wissenschaftlicher Skepsis begegnen – und mit einem warmen Handtuch in Reichweite.
Literatur
- Cain T, Brinsley J, Bennett H, Nelson M, Maher C, Singh B (2025). Effects of cold-water immersion on health and wellbeing: A systematic review and meta-analysis. PLoS ONE 20(1): e0317615. doi: 10.1371/journal.pone.0317615.