• Unvergessen

Drei Spätaborte und ein Neuanfang: ein Fall aus der Geburtshilfe

Als Chefärztin Geburtshilfe gehören starke Emotionen für Gabriella Stocker zum Alltag. Besonders präsent ist ihr bis heute ein Fall, der sie nicht nur auf der fachlichen, sondern auch auf der menschlichen Ebene forderte.

Komplexe Situationen sind nichts, wovor Gabriella Stocker zurückschreckt – im Gegenteil: Sie mag die Herausforderung. Mit dieser Einstellung traf die Chefärztin Geburtshilfe am Stadtspital Zürich vor einigen Jahren auf eine Frau, die ihr bis heute besonders in Erinnerung geblieben ist. Diese Frau und ihr Partner hatten einen sehr starken Kinderwunsch, aber eine ebenso gewaltige Leidensgeschichte. Schon dreimal war die Frau schwanger gewesen, und jedes Mal hatte sie ihr Kind verloren, immer zwischen der 15. und 18. Schwangerschaftswoche. «Als das Paar zu uns kam, waren beide sehr angeschlagen», erzählt Gabriella Stocker. «Niemand konnte genau sagen, warum es zu diesen wiederholten Spätaborten gekommen war, und offenbar hatte niemand sie konsequent begleitet.»

Viele Fragen und wenig klare Antworten

Gabriella Stocker nahm die Frau in Behandlung, und sie wurde nach einiger Zeit wieder schwanger. Diese Situation stellte die Chefärztin und ihr Team gleich vor mehrere Herausforderungen: Wie behält man trotz der unsicheren medizinischen Situation das Vertrauen eines Paares, das so viel durchmachen musste? Welche medizinischen Behandlungen sind nötig? Und wie geht man mit dem drohenden Risiko eines erneuten Aborts um?

Unvergessen

In ihrem Alltag erleben Ärztinnen und Ärzte die Schicksale verschiedenster Menschen hautnah mit – und trotz aller professioneller Distanz lassen sie viele Erlebnisse nicht unberührt. In der Serie «Unvergessen» erzählen Ärztinnen und Ärzte – von der Geburtshilfe bis hin zur Geriatrie – von einem Fall, der sie besonders geprägt hat.

«Wir gingen davon aus, dass die Aborte infektbedingt waren», sagt Gabriella Stocker. Um die bestmöglichen medizinischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Schwangerschaft zu schaffen, leitete sie verschiedenste Therapien ein: Muttermundverschluss, Cerclage, Infektbehandlungen und weitere Massnahmen. «Für Standardsituationen haben wir Guidelines, aber bei drei Spätaborten greifen die Richtlinien kaum mehr.» Sie habe sich deshalb viel mit Kolleginnen und Kollegen ausgetauscht, sich informiert sowie Vor- und Nachteile mit dem Paar besprochen. «Viele Entscheide konnte ich so oder so fällen, und im Voraus wusste ich nicht, was richtig war.» Ihre Erfahrung habe sie jedoch gelehrt, mit Ungewissheiten umzugehen. «Die Medizin ist nicht immer logisch, wir Ärztinnen und Ärzte haben nicht alles in der Hand – obwohl wir das oft gerne möchten.» Auch versuche sie, schwierige Situationen bewusst am Arbeitsplatz zu lassen, selbst wenn ihr dies nicht immer gelinge.

Blanke Nerven und ein gesundes Kind

Für das Paar hingegen sei die Ungewissheit kaum zu ertragen gewesen, die Nerven lagen blank – was sich einmal an der Pflege entlud. Auch hier: eine heikle Situation. «Ich musste Ruhe ins System bringen und in Gesprächen das gegenseitige Verständnis fördern, um die Behandlung gut weiterführen zu können», so Gabriella Stocker.

Schliesslich sei es gelungen, die Schwangerschaft so lange zu halten, dass das Kind in einem vernünftigen Alter und gesund zur Welt kommen konnte. «Das war für uns alle eine riesige Erleichterung und sehr berührend, mitanzusehen, wie das Paar, das so viel Schlimmes erlebt hatte, sein Baby in die Arme schliessen konnte», erinnert sich Gabriella Stocker. Doch damit trat eine neue Herausforderung auf: «Dieses Baby war so sehnsüchtig erwartet worden, dass die Mutter Gefahr lief, all ihre eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen.» Auch hier brauchte es eine enge Begleitung und ehrliche Gespräche, um die Mutter zu schützen.

Als Mensch dabei

Eine erfolgreiche Behandlung also. Aber hat sich Gabriella Stocker je überlegt, wie sie reagiert hätte, wenn die Frau ihr Kind erneut verloren hätte? «Ja, natürlich», sagt sie bestimmt. Schlimme Outcomes seien in ihrem Job nicht immer vermeidbar. Dennoch hätten viele Ärztinnen und Ärzte die Tendenz, sich selbst für alles verantwortlich zu machen und sich in solchen Fällen zurückzuziehen. «Gerade dann sollten wir jedoch für die jeweiligen Personen da sein und sie begleiten.» Dabei sei es auch völlig in Ordnung, Emotionen zu zeigen. «Unprofessionell wäre es, wenn Patientinnen und Patienten das Gefühl bekämen, sie müssten mich trösten. Aber wenn sie sehen, dass mich ihre Geschichte berührt, merken sie, dass ich als Mensch dabei bin.»