- Grün im Alltag
Zwischen Klimaschutz und Spitalalltag
Schon während des Studiums setzte sich die heutige Assistenzärztin Marie Schaudig leidenschaftlich für den Klimaschutz ein. Wie gelingt es ihr, dieses Engagement trotz der fordernden Arbeitsbedingungen im Spital weiterzuführen?
11.08.2026
Marie Schaudig, wie setzt du dich im ärztlichen Alltag für Planetary Health ein?
Als Assistenzärztin im Spitalzentrum Biel bin ich Teil eines interdisziplinären Teams. In diesem Kontext versuche ich, meine Mitmenschen für das Thema Planetary Health zu sensibilisieren und zu begeistern. Dabei hilft zum Beispiel der «Health for Future»-Button, den ich an meinem Badge trage, um Gespräche auf Augenhöhe anzuregen.
Da die Weiterbildungszeit ein wichtiger Teil meiner Arbeit als Assistenzärztin ist, greife ich während Weiterbildungen Themen auf, die für Planetary Health relevant sind. Zum Beispiel habe ich bei einer Fallvorstellung über Borreliose die Faktoren erwähnt, die zu einem Anstieg der Fallzahlen führen. Dies sind insbesondere der Anstieg der Durchschnittstemperaturen, der das Überleben von Zecken in nördlicheren Breitengraden erleichtert, sowie die sinkende Artenvielfalt, die die Zahl der natürlichen Feinde der Zecken verringert.
In einem Journal Club habe ich zudem einen Artikel über verschiedene Bronchodilatatoren und deren Einfluss auf die Treibhausgasemissionen des Gesundheitssystems vorgestellt.
Grün im Alltag
Auch kleine Massnahmen können viel bewirken. Die Serie «Grün im Alltag» zeigt, wie Ärztinnen und Ärzte mit einfachen Umstellungen einen Beitrag für ein nachhaltigeres und ökologischeres Gesundheitswesen leisten.
Warum ist dir das wichtig?
Ich bin als Studentin auf das Thema aufmerksam geworden, weil mir die Verknüpfungen zwischen dem Inhalt meines Studiums und der Klimakrise immer deutlicher geworden sind.
Im Spital werden alle Menschen mehr oder weniger gleich behandelt, egal, woher sie kommen. Besondere Umstände können Menschen jedoch krank machen, und die Klimakrise stellt auf verschiedenen Ebenen ein Gesundheitsrisiko dar. Für mich ist es wichtig, den Menschen in seinem bio-psycho-sozialen Kontext zu sehen, um eine nachhaltige Verbesserung der Gesundheit zu erzielen. Wir als Teil des Gesundheitssystems können einen Beitrag dazu leisten, aber für die Klimakrise tragen wir auch eine Mitverantwortung. Und mir ist es wichtig, dass wir als Gesundheitssystem unseren Anteil an der Klimakrise möglichst reduzieren.
Wo siehst du Herausforderungen für Assistenzärztinnen und -ärzte, die sich gerne mehr für Planetary Health engagieren möchten?
Ich komme aus einer sehr aktiven Zeit als Medizinstudentin – damals war meine zeitliche Situation eine ganz andere. Als ich im A-Spital anfing, hatte ich keine Zeit, mich für irgendetwas zu engagieren, weil eine Anstellung zu weniger als 100 Prozent nicht möglich war. Mir ging es zunächst nur darum, die alltägliche Hektik im Spital zu bewältigen. Da bin ich auf jeden Fall nicht die Einzige.
Zudem kommt es immer wieder vor, dass man auf Gegenwind stösst und eher Reaktanz auslöst als Interesse oder Tatendrang. Als mir das passiert ist, hat es mir spürbar den Wind aus den Segeln genommen. Glücklicherweise bleiben solche Situationen die Ausnahme. Wenn ich auf meine Zeit in der Klinik zurückblicke, überwiegt das positive Feedback von Kolleginnen und Kollegen deutlich. Besonders viel bedeutet es mir, nicht nur Medizinstudierende für Planetary Health zu begeistern, sondern auch meinen Oberärztinnen und Oberärzten neue Impulse für ihre tägliche Arbeit mitgeben zu können.
Wenn du drei Wünsche hättest, was würdest du dir für die Zukunft wünschen?
Schwierige Frage! Mein erster Wunsch wäre, dass Prävention einen deutlich höheren Stellenwert erhält – und bei Entscheidungen im Gesundheitswesen konsequent die CO2-ärmere Option priorisiert wird. Ein konkretes Beispiel hierzu sind Bronchodilatatoren: Wenn es für Patientinnen und Patienten zumutbar ist, sollten Pulverinhalatoren bevorzugt eingesetzt werden. Dosieraerosole enthalten nämlich Treibmittel mit einem Treibhausgaspotenzial, das um ein Vielfaches über dem von CO2 liegt. Der Wechsel von einem Dosieraerosol zu einem Pulverinhalator kann pro Person mehrere Hundert Kilogramm CO2-Äquivalente pro Jahr einsparen – in etwa vergleichbar mit dem Verzicht auf einen Flug über 1000 Kilometer.
Zweitens wünsche ich mir, dass evidenzbasierte Ansätze wie die Planetary Health Diet breiter umgesetzt werden.
Mein dritter Wunsch betrifft die Ausbildung: Planetare Gesundheit sollte fest im Medizinstudium verankert sein – nicht nur als Wahlfach, sondern als wiederkehrendes Querschnittsthema im Curriculum.
Und vielleicht noch ein ergänzender Gedanke: Ich würde mir wünschen, dass wir insgesamt etwas mutiger werden. Vieles ist bereits bekannt – jetzt geht es darum, es auch umzusetzen.