• Auf den Punkt gebracht

«Wir können uns diese Ressourcenverschwendung nicht leisten»

Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte arbeiten weiterhin zu lang, viele von ihnen sind erschöpft. Wir tun gut daran, ihre Arbeitsbedingungen zügig und wirksam zu verbessern, wenn wir auch in Zukunft auf ein qualitativ hochstehendes Gesundheitswesen zählen wollen.

Es ist erfreulich. Die Bemühungen um die 42+4-Stunden-Woche scheinen Früchte zu tragen. Assistenzärztinnen und -ärzte arbeiteten 2025 im Schnitt und hochgerechnet auf ein Vollzeitpensum pro Woche fast vier Stunden weniger als noch drei Jahre zuvor. Das sagt uns die Mitgliederbefragung, die das Institut Demoscope alle drei Jahre in unserem Auftrag durchführt.

Erschöpfung bleibt hoch

Gleichzeitig sind die Resultate schockierend und ernüchternd. Immer noch beträgt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit über 54 Stunden. Das sind vier Stunden mehr, als das Arbeitsgesetz erlaubt. Immer noch erleben 58 Prozent der Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte Verletzungen des Arbeitsgesetzes. Immer noch berichten fast 60 Prozent der Befragten von Patientengefährdungen im Zusammenhang mit Übermüdung. Und vor allem sind immer noch rund 40 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte häufig oder meistens erschöpft und ausgelaugt – jede fünfte Ärztin oder jeder fünfte Arzt denkt sogar häufig oder meistens «Ich kann nicht mehr». Diese Befunde haben sich gegenüber der letzten Befragung vor drei Jahren praktisch nicht verändert.

Die Erschöpfung, die von der ersten Befragung 2013 bis 2022 immer grösser geworden ist und sich nun auf einem hohen Niveau stabilisiert hat, alarmiert mich. Sie kommt nicht nur daher, dass viele Arbeitsstunden geleistet werden müssen. Sie kommt auch daher, dass diese Arbeitsstunden viel zu häufig mit mühsamen und frustrierenden administrativen Tätigkeiten vollgestopft sind. Sie kommt auch daher, dass die Vereinbarkeit immer noch schwierig und Teilzeitarbeit nur selten möglich ist. Zur Erschöpfung trägt zudem die Tatsache bei, dass am Ende der langen Arbeitswochen sehr oft die Zeit und die Energie für die obligatorische Weiterbildung fehlt, die gerade bei Assistenzärztinnen und -ärzten essenziell wäre, wenn man dereinst kompetentes und motiviertes Facharztpersonal beschäftigen möchte. Die Erschöpfung führt letztlich dazu, dass viele wertvolle, hoch qualifizierte und teuer ausgebildete Fachkräfte frühzeitig den Beruf verlassen. Sie fehlen dem System – und fehlende Fachkräfte wiederum erschweren die Arbeit für die Verbleibenden, die noch mehr leisten müssen. Wir können uns diese Ressourcenverschwendung nicht leisten.

Spitäler müssen handeln

Für den vsao ist klar: 42+4 ist nicht nice to have, es ist ein Muss für ein langfristig gesundes Gesundheitswesen. Und definitiv sind die Zeiten vorbei, in denen das Arbeitsgesetz ungestraft verletzt werden kann; hier werden wir uns mit Nachdruck in allen Kantonen für dessen Einhaltung engagieren. Damit  arbeitsgesetzkonforme Dienstpläne möglich werden, setzen wir uns weiter für weniger Administration und effizientere Prozesse ein. Die Spitäler haben es in der Hand: Indem sie die Bedürfnisse von jungen Ärztinnen und Ärzten berücksichtigen, sorgen sie mit einer der Realität entsprechenden Bedarfsplanung, zeitgemässen Arbeitsmodellen, einer hochwertigen Weiterbildung und schlanken Prozessen für eine qualitativ hochstehende Gesundheitsversorgung, die letztlich den Patientinnen und Patienten und uns allen zugute kommt.