• Forschung und Praxis

Wie Ernährung in der Schwangerschaft Körper und Psyche beeinflusst

Dass Alkohol und Nikotin in der Schwangerschaft tabu sein sollten, ist weithin bekannt. Andere Ernährungsfaktoren bleiben jedoch häufig unbeachtet, obwohl auch sie klinisch relevant sind. Ein Überblick.

Unverarbeitete Lebensmittel sind wichtig, um den Bedarf an Mikronährstoffen in der Schwangerschaft abzudecken. Bild: Adobe Stock / Ermolaev Alexandr
Unverarbeitete Lebensmittel sind wichtig, um den Bedarf an Mikronährstoffen in der Schwangerschaft abzudecken. Bild: Adobe Stock / Ermolaev Alexandr

Die Schwangerschaft stellt eine physiologisch und psychologisch herausfordernde Phase dar. Ernährung spielt in dieser Zeit eine Schlüsselrolle für die Gesundheit von Mutter und Kind. Die öffentliche und medizinische Kommunikation fokussiert sich traditionell auf Folsäure und Alkohol- und Nikotinverzicht [1, 2], während komplexere Ernährungs- und Lebensstilfaktoren seltener thematisiert werden. Neben den somatischen Risiken rücken auch psychische Dimensionen zunehmend in den Fokus.

Ein Grossteil der Daten zu Ernährung und psychischer Gesundheit in der Schwangerschaft stammt aus Beobachtungsstudien. Randomisierte Interventionsstudien sind bisher limitiert. Strenge kausale Aussagen sind in diesem Feld daher nur eingeschränkt möglich, trotzdem gibt es einige wertvolle Hinweise: Ernährungsgewohnheiten zeigen eine enge Verknüpfung mit Stimmung, Stressresilienz und psychischer Stabilität [3–5]. Auch kann ein gesteigerter Fokus auf «die perfekte Ernährung» kontraproduktiv sein und zu Stress, Angst und psychischer Instabilität führen. Mütterliche Ernährungsmuster können sich über neuroendokrine und epigenetische Mechanismen auf die emotionale und kognitive Entwicklung des Kindes auswirken [6–8].

Physische Risiken einer suboptimalen Ernährung in der Schwangerschaft

Neben den körperlichen Risiken durch Alkohol- und Nikotinkonsum ist in der Schwangerschaft auch eine unzureichende oder einseitige Ernährung mit Risiken für Mutter und Kind verbunden:

  • Alkohol ist mit einem erhöhten Risiko für fetale Alkoholspektrumsstörungen (FASD) verbunden, die lebenslange neurokognitive, emotionale und physische Beeinträchtigungen verursachen können [1].
  • Nikotinkonsum führt über eine verminderte Plazentaperfusion häufig zu intrauteriner Wachstumsrestriktion, Frühgeburtlichkeit und beim Kind zu einem erhöhten Risiko für Verhaltensauffälligkeiten und Aufmerksamkeitsstörungen [2].
  • Ein Mangel an essenziellen Mikronährstoffen – wie Folsäure [9], Eisen [10], Jod [3], Vitamin D [4], Zink [5] und Cholin [6] – ist mit körperlichen Komplikationen wie Frühgeburt, geringer Geburtsgrösse und hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen assoziiert.

Anders als zu erwarten sind diese Mangelerscheinungen nicht nur bei zu geringer Nahrungsaufnahme anzutreffen, sondern können auch bei Überernährung auftreten. Dies, da hoch verarbeitete Lebensmittel in der Regel zwar reich an Makronährstoffen wie Zucker, Salz und gesättigten Fetten sind, aber gleichzeitig viele der essenziellen Mikronährstoffe fehlen. Makronährstoffe (Kohlenhydrate, Fette, Proteine) sind Hauptenergielieferanten und Baustoffe, die der Körper in grossen Mengen benötigt. Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente) liefern keine Energie, sind aber essenziell für Stoffwechsel, Immunfunktion und Wachstum.

Neben der geringen Dichte an Mikronährstoffen können hoch verarbeitete Lebensmittel Entzündungsprozesse fördern und die Zusammensetzung des Mikrobioms – also der Gesamtheit aller Mikroorganismen (z. B. Bakterien), die den Menschen besiedeln – beeinträchtigen [11]. Zusammen mit anderen Risikofaktoren kann dies zu einer reduzierten Darmfunktion führen und das Risiko für Gestationsdiabetes [7, 8], Präeklampsie [12] und fetale Makrosomie [13] erhöhen. Beobachtbare Symptome bei der Mutter sind Blutzuckerschwankungen, Gewichtszunahme und erhöhte Müdigkeit – beim Kind können metabolische und neurokognitive Probleme die Folge sein. Darüber hinaus deuten Untersuchungen darauf hin, dass mütterliche psychische Belastungen wie Stress, Angst oder depressive Symptome während der Schwangerschaft mit Veränderungen in der fetalen Gehirnentwicklung und späteren kognitiven, sozialen und emotionalen Entwicklungsparametern des Kindes assoziiert sind [14, 15].

Psychische Risiken und Resilienz in der Schwangerschaft

Die Ernährung der Mutter wirkt sich auch auf die Psyche von Mutter und Kind aus. Depressive Symptome, Angststörungen oder erhöhte Stressanfälligkeit sind eng mit der Nährstoffversorgung, dem Essverhalten und der Mikrobiomzusammensetzung verknüpft. Psychische Gesundheit und Ernährung sollten daher immer gemeinsam betrachtet werden, um langfristige Risiken für Mutter und Kind zu minimieren.

Für die psychische Gesundheit ist eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen wichtig. Diese wird gewährleistet, wenn Schwangere hoch verarbeitete Lebensmittel meiden und vermehrt unverarbeitete Lebensmittel essen. Eine solche gesunde Ernährung ist mit einem reduzierten Risiko für eine Schwangerschaftsdepression und eine postpartale Depression sowie der Reduktion von psychischer Vulnerabilität und Müdigkeit assoziiert. Auch wird diese mit verbesserter Konzentrationsfähigkeit und möglicherweise günstigen Effekten auf neuronale Plastizitätsprozesse in Verbindung gebracht [3–6, 9, 10]. Zusätzlich konnten Studien aufdecken, dass eine gesunde Ernährung während der Schwangerschaft kognitive und soziale Verhaltensprofile verbessert und die Wahrscheinlichkeit von Verhaltensproblemen im Kindesalter senkt [16, 17].

Eine Ernährung mit naturbelassenen, pflanzlichen Lebensmitteln trägt ausserdem zu einem gesunden Darmmikrobiom bei, das wiederum über ein diversifiziertes Mikrobiom die Stressresilienz zusätzlich stärkt [7, 8]. Umgekehrt können hoch verarbeitete, zucker- oder fettreiche Lebensmittel die mikrobielle Vielfältigkeit reduzieren. Über die sogenannte Darm-Hirn-Achse gibt es Hinweise darauf, dass eine vielfältige Mikrobiomzusammensetzung mit einer besseren Stressregulation und einer höheren emotionalen Stabilität in Zusammenhang steht [7, 8].

Ebenso wie die Ernährung die Psyche beeinflusst, kann auch die Psyche Einfluss auf das Essverhalten haben. Stress – auch z. B. im Rahmen von übertriebenen Sorgen um die «perfekte Ernährung» – sowie Schlafmangel oder soziale Belastungen können der Auslöser für Essverhalten mit emotionalen Hintergründen (Anorexia nervosa, Binge Eating etc.) oder restriktive Diäten sein, und so die oben erwähnten Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit auslösen oder verschärfen. Vor diesem Hintergrund zeigt sich, dass eine angstfreie Aufklärung über gesundes Essverhalten sowie gegebenenfalls die Integration von Entspannungs- und Bewegungsstrategien gesundheitsförderlich für Mutter und Kind sein können [11, 13].

Ärztliche Praxis und Handlungsempfehlungen

Eine gezielte Anamnese von Ernährungsgewohnheiten, Laborparametern, Gewicht und Body-Mass-Index ist aufgrund der obigen Gründe essenziell. Nur so lässt sich sicherstellen, dass über die Makronährstoffe hinaus auch eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen besteht. Zur ausreichenden Versorgung ist primär auf die Minimierung hoch verarbeiteter Lebensmittel und eine ausgewogene Ernährung mit unverarbeitetem Obst, Gemüse, Vollkorn, Hülsenfrüchten, fettarmen Proteinen und fermentierten Lebensmitteln zu achten. Erst sekundär ist die Substitution mit essenziellen Mikronährstoffen empfehlenswert. Die Beratung sollte sich auch an den aktuellen Empfehlungen des Bundes zur Ernährung in der Schwangerschaft orientieren [18].

Da Ernährung und Psyche eng miteinander verknüpft sind, sollten Ärztinnen und Ärzte Schwangere im Sinne eines Shared Decision Making begleiten [19, 20], eine wertfreie, empathische Gesprächsführung pflegen [21] sowie evidenzbasierte Methoden zur Unterstützung von Verhaltensänderungen einsetzen [22, 23]. Inhaltlich sollte auf die Alltagstauglichkeit von Ernährungstipps geachtet und – wo notwendig – eine interdisziplinäre Betreuung mit Psychotherapie, Ernährungsberatung und/oder Hebammen empfohlen werden.

Literatur

  1. Lange S, Shield K, Rehm J, Popova S. Prevalence of Fetal Alcohol Spectrum Disorders in Child Care Settings: A Meta-analysis. Pediatrics. 2013;132(4):e980–95. doi: 10.1542/peds.2013-0066.
  2. Rogers JM. Tobacco and pregnancy: Overview of exposures and effects. Birth Defects Research Pt C. 2008;84(1):1–15. doi: 10.1002/bdrc.20119.
  3. Dineva M, Fishpool H, Rayman MP, Mendis J, Bath SC. Systematic review and meta-analysis of the effects of iodine supplementation on thyroid function and child neurodevelopment in mildly-to-moderately iodine-deficient pregnant women. Am J Clin Nutr. 2020;112(2):389–412. doi: 10.1093/ajcn/nqaa071.
  4. Tous M, Villalobos M, Iglesias-Vázquez L, Fernández-Barrés S, Arija V. Vitamin D status during pregnancy and offspring outcomes: a systematic review and meta-analysis of observational studies. Eur J Clin Nutr. 2020;74(1):36–53. doi: 10.1038/s41430-018-0373-x.
  5. Wilson R, Grieger J, Bianco-Miotto T, Roberts C. Association between Maternal Zinc Status, Dietary Zinc Intake and Pregnancy Complications: A Systematic Review. Nutrients. 2016;8(10):641. doi: 10.3390/nu8100641.
  6. Greenberg PE, Kessler RC, Birnbaum HG, Leong SA, Lowe SW, Berglund PA, et al. The Economic Burden of Depression in the United States: How Did It Change Between 1990 and 2000? J Clin Psychiatry.  2003;64(12):1465–75. doi: 10.4088/JCP.v64n1211.
  7. De-Regil LM, Peña-Rosas JP, Fernández-Gaxiola AC, Rayco-Solon P. Effects and safety of periconceptional oral folate supplementation for preventing birth defects. Cochrane Pregnancy and Childbirth Group (ed.). Cochrane Database of Systematic Reviews. 2015(12). doi: 10.1002/14651858.CD007950.pub3.
  8. Pavord S, Myers B, Robinson S, Allard S, Strong J, Oppenheimer C, et al. UK guidelines on the management of iron deficiency in pregnancy. Br J Haematol. 2012;156(5):588–600. doi: 10.1111/j.1365-2141.2011.09012.x.
  9. Lassi ZS, Salam RA, Haider BA, Bhutta ZA. Folic acid supplementation during pregnancy for maternal health and pregnancy outcomes. Cochrane Pregnancy and Childbirth Group (ed.). Cochrane Database of Systematic Reviews. 2013(3). doi: 10.1002/14651858.CD006896.pub2.
  10. Quezada-Pinedo HG, Cassel F, Duijts L, Muckenthaler MU, Gassmann M, Jaddoe VWV, et al. Maternal Iron Status in Pregnancy and Child Health Outcomes after Birth: A Systematic Review and Meta-Analysis. Nutrients. 2021;13(7):2221. doi: 10.3390/nu13072221.
  11. Zeisel SH. Choline: Critical Role During Fetal Development and Dietary Requirements in Adults. Annu Rev Nutr. 2006;26(1):229–50. doi: 10.1146/annurev.nutr.26.061505.111156.
  12. Zimmermann MB. Iodine Deficiency. Endocrine Reviews. 2009;30(4):376–408. doi: 10.1210/er.2009-0011.
  13. Holick MF. Vitamin D Deficiency. N Engl J Med. 2007;357(3):266–81. doi: 10.1056/NEJMra070553.
  14. Manzari N, Matvienko-Sikar K, Baldoni F, O’Keeffe GW, Khashan AS. Prenatal maternal stress and risk of neurodevelopmental disorders in the offspring: a systematic review and meta-analysis. Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol. 2019;54(11):1299–309. doi: 10.1007/s00127-019-01745-3.
  15. De Domenico C, Calderone A, Latella D, De Luca R, Corallo F, Cucinotta F, et al. Prenatal psychological distress and neurodevelopmental trajectories in the first 3 years: a systematic review. BMJ Open. 2025;15(11):e104716. doi: 10.1136/bmjopen-2025-104716.
  16. Steenweg-de Graaff J, Tiemeier H, Steegers-Theunissen RPM, Hofman A, Jaddoe VWV, Verhulst FC, et al. Maternal dietary patterns during pregnancy and child internalising and externalising problems. The Generation R Study. Clinical Nutrition. 2014;33(1):115–21. doi: 10.1016/j.clnu.2013.03.002.
  17. Cendra‐Duarte E, Canals J, Iglesias‐Vázquez L, Jardí C, Martín‐Luján F, Arija V. Adherence to the Mediterranean diet during pregnancy and behavioural problems at 4 years of age. Maternal & Child Nutrition. 2024;20(4):e13700. doi: 10.1111/mcn.13700.
  18. BLV. Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit [Internet]. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV; 2024 [zitiert 20. Februar 2026]. Verfügbar unter: https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/lebensmittel-und-ernaehrung/ernaehrung/empfehlungen-informationen/lebensphasen-und-ernaehrungsformen/schwangere-und-stillende.html.
  19. NHS. Shared decision-making [Internet]. London: National Health System England; 2026 [zitiert 20. Februar 2026]. Verfügbar unter: https://www.england.nhs.uk/personalisedcare/shared-decision-making.
  20. NHS. Decision support tools [Internet]. London: National Health System England; 2026 [zitiert 20. Februar 2026]. Verfügbar unter: https://www.england.nhs.uk/personalisedcare/shared-decision-making/decision-support-tools.
  21. MINT. Motivational Interviewing Network of Trainers [Internet]. 2021 [zitiert 20. Februar 2026]. Verfügbar unter: https://motivationalinterviewing.org/.
  22. Prochaska JO, DiClemente CC. Stages and processes of self-change of smoking: Toward an integrative model of change. J Consult Clin Psychol. 1983;51(3):390–5. doi: 10.1037/0022-006X.51.3.390.
  23. Prochaska JO, Norcross JC, DiClemente CC. Changing for good: the revolutionary program that explains the six stages of change and teaches you how to free yourself from bad habits. 1st ed. New York: W. Morrow; 1994. 304 p.