- Fokus: Moment
Wie Entscheidungen im ärztlichen Alltag gelingen
Geht es um medizinische Entscheidungen, haben Ärztinnen und Ärzte völlig andere Voraussetzungen als ihre Patientinnen und Patienten. Für beide Seiten kann ein gelegentlicher Moment des Innehaltens im Entscheidungsprozess gewinnbringend sein.
11.08.2026
Sind Sie eine Person, die gerne und schnell Entscheidungen trifft? Oder haben Sie eher Mühe mit der Entscheidungsfindung? Um gute Entscheidungen treffen zu können, ist es wichtig, die Entscheidungsfindung grundsätzlich als einen Prozess zu verstehen [1]. Dies gilt auch für den klinischen Alltag.
Am Beginn der Entscheidung
Zwei Voraussetzungen des Entscheidens sind nicht zu unterschätzen: Ich muss mir bewusst werden, dass eine Entscheidungssituation vorliegt, und ich muss Entscheidungsoptionen unter Umständen erst generieren [2]. Dies wird offensichtlich bei der Berufswahl, der Jobsuche, der Suche nach einer Wohnung oder der Urlaubsdestination. Während für Health Professionals die Handlungsoptionen im klinischen Alltag vielleicht klar auf der Hand liegen, stehen Patientinnen und Patienten vor zum Teil fundamental neuen Entscheidungssituationen, wo Handlungsoptionen und persönliche Werte vorerst unklar sind und erst generiert bzw. geklärt werden müssen. Dies bedingt eine gute Informationsbasis, Zeit und dementsprechendes Verständnis von allen Seiten.
Informationssuche ist zentral
Liegen die Entscheidungsoptionen auf dem Tisch, kann eine Reflexion beginnen. Aufseiten der Patientinnen und Patienten müssen Präferenzen gebildet werden und anschliessend gemeinsam Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen und auf den konkreten Fall bezogen werden. Auch dies braucht seine Zeit. Zentral ist eine gute Informationssuchstrategie von Beginn weg. Health Professionals können helfen, indem sie dezent Hinweise darauf geben, was die relevanten Entscheidungskriterien im aktuellen Fall sind [3]. Zudem müssen sie persönliche Präferenzen der Patientinnen und Patienten zwingend mit einbeziehen. In manchen Situationen kann es hilfreich sein, nicht nur über Option A oder B zu sprechen, sondern auch weitere Handlungsalternativen C und evtl. D offen anzusprechen und zu evaluieren.
Vertiefen, weitersuchen, stoppen
Die Forschung hat gezeigt, dass Menschen einen unterschiedlich hohen Anspruch an Urteilssicherheit (HAUS) aufweisen, was sich mit dem Kurzen Entscheidungs-Test Online (KETO) erfassen lässt [4]. Wenn also beispielsweise ein sehr hoher Anspruch an Urteilssicherheit vorliegt, dauert die Informationssuche in der Regel länger. Und neben Persönlichkeitsunterschieden haben Frauen tendenziell einen etwas höheren Bedarf an Urteilssicherheit.
Umgang mit Unsicherheit und Risiko
Entscheidungen unter Sicherheit sind im klinischen Kontext äusserst selten, Unsicherheit ist also die Regel. Deshalb spielt auch der Umgang mit den Risiken, meist in Form von möglichen Nebenwirkungen, eine wichtige Rolle. Diese Risiken können noch so klein sein – für Patientinnen und Patienten sind sie zentral. Hier lohnt es sich, eine Risikoentschärfungsmassnahme ins Auge zu fassen; also nicht nur die Risiken konkret zu benennen, sondern gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen [5]. «Falls XY tatsächlich eintreten sollte, würden wir folgendermassen vorgehen …»
Das Wesen und die Kunst der Integration
Entscheiden kann trivial sein, wenn eine verlässliche Informationsquelle vorliegt oder die Präferenzen geklärt sind. In solchen Fällen kann auf beiden Seiten durchaus heuristisch entschieden werden im Sinne von «Take the best (ignore the rest)» [3], oder eine Handlungsoption kann klar abgelehnt werden (Ausschlussprinzip). Entscheidungen im Alltag sind immer als subjektiv zu betrachten, da sie generell mit Emotionen, Werten und Zielen verknüpft sind. Der Versuch einer Maximierung aufseiten der Patientinnen und Patienten scheitert oft an unbewussten Denkfallen (kognitive Biases) und resultiert in der Sorge, die beste Entscheidung verpasst zu haben (regret) [6]. Generell hat sich bewährt, dass Health Professionals nicht nur untereinander, sondern gerade auch mit den Patientinnen und Patienten offen über Kriterien, Werte und vor allem über Unsicherheiten sprechen (communication about uncertainty) [7].
Wie halten Sie es mit dem Gefühlsentscheid?
Man muss klar festhalten, dass eine unbewusste Informationsverarbeitung im Entscheidungskontext nur Sinn macht, wenn sie auf Erfahrungen beruht. Oftmals stützen wir uns auf reine Wahrnehmungsphänomene wie beispielsweise den Von-Restoff-Effekt (wir wählen ein Objekt, weil es aus der Menge sticht), lassen uns von Vorurteilen leiten oder entscheiden aus Angst, Enttäuschung oder Wut. Das internationale Forschungsprogramm COGITA konnte vielversprechende Hinweise herausarbeiten, wie sogenannte Bauchgefühle (gut feelings) aufseiten von Health Professionals auf eine wissenschaftliche Basis gestellt werden können. Beim Bestätigungsgefühl (sense of reassurance) passt alles zusammen, man fühlt sich auf dem richtigen Weg. Beim Alarmgefühl (sense of alarm) hat man hingegen den unguten Eindruck, dass hier etwas nicht stimmt, dem man also besser vertieft nachgehen sollte. Beide Gefühlslagen können mittels Fragebogen (gut feelings questionnaire) systematisch erfasst werden [8].
Der Kontext entscheidet mit
Selbstverständlich spielen weitere Faktoren wie die soziale Dimension (z. B. Gruppenentscheide), Zeitdruck etc. eine wesentliche Rolle im Entscheidungsprozess. Relevant ist deshalb auch die Frage nach dem Zeitpunkt der Entscheidung, also danach, ob ich mich sofort entscheiden muss. Einmal darüber zu schlafen, ist nicht nur ein bewährtes Rezept, sondern auch ein wissenschaftlich nachgewiesener Schutz vor übereilten Entscheidungen. Und mit der Entscheidung selbst ist es noch nicht getan. Denn diese muss in konkretes Verhalten umgesetzt werden, also unter anderem auch geplant, Hindernisse antizipiert, Handlungen gemonitort und angepasst werden. Dementsprechend sollten Health Professionals den Patientinnen und Patienten auch aufzeigen, wie der Weg danach aussieht.
Fazit
Eine Entscheidungsfindung ist ein mehrstufiger Prozess mit stark subjektiven Anteilen. Gute Entscheidungen berücksichtigen die individuellen Werte und Präferenzen der Patientinnen und Patienten. Deshalb ist eine offene und gute Kommunikation auf allen Seiten essenziell.
Mehr Informationen: www.dah-media.ch/me
Mit gezielten Fragetechniken den Moment nutzen
Sowohl Patientinnen und Patienten als auch Health Professionals können mit geeigneten Fragen einerseits herausfinden, wo sie im Entscheidungsprozess gerade stehen. Andererseits können diese helfen, den Fokus auf das Wesentliche zu legen und in der Entscheidungsfindung weiterzukommen [9]. Nehmen Sie sich also öfter eine kurze Auszeit und fragen Sie sich:
- Weshalb treffe ich diese Entscheidung?
- Was möchte ich mit meiner Entscheidung im Idealfall erreichen?
- Wenn ich nur einen Wert nennen könnte, welches Kriterium ist für mich zentral?
- Wenn ich mich hier und jetzt entscheiden müsste, was wäre meine Präferenz?
- Was macht es für mich schwierig, mich jetzt zu entscheiden?
- Gibt es Handlungsalternativen, an die ich bis jetzt noch gar nicht gedacht habe?
- Was sagt mein Bauchgefühl (eher bestätigend oder alarmierend)?
- Kann ich einmal in Ruhe darüber schlafen?
- Was passiert, wenn ich mich nicht entscheide und am Status quo festhalte?
- Wie würde meine Ärztin / mein Arzt an meiner Stelle entscheiden?
- Wo stehe ich in … Wochen, Monaten, Jahren nach der getroffenen Entscheidung?
- Muss ich meine (zu) hohen Ansprüche an Urteilssicherheit eventuell senken?
- Mit welchen Massnahmen kann ich Risiken minimieren oder notfalls damit umgehen?
- Habe ich die Möglichkeit, meine Entscheidung zu revidieren oder anzupassen?
- Wer kann mir bei der Entscheidungsfindung oder Umsetzung beistehen?
- Was werde ich rückblickend für Lernerfahrungen im Umgang mit dieser Entscheidungssituation berichten?
Literaturverzeichnis
- Betsch, T., Funke, J., & Plessner, H. (2011). Denken – Urteilen, Entscheiden, Problemlösen. Allgmeine Psychologie für Bachelor. Springer.
- Pfister, H.-R., Jungermann, H., & Fischer, K. (2017). Die Psychologie der Entscheidung. Eine Einführung. Springer.
- Gigerenzer, G., Todd, P. M., & The ABC Research Group (1999). Simple heuristics that make us smart. Oxford University Press.
- Hausmann, D., & Stoll, J. (2019). Kurzer Entscheidungs-Test Online (KETO) zur Erfassung des Entscheidungsverhaltens unter Unsicherheit und der Höhe der angestrebten Urteilssicherheit (HAUS). Diagnostica, 65, 2-13. doi: 10.1026/0012-1924/a000209.
- Huber, O., Beutter, C., Montoya, J., & Huber, O. W. (2001). Risk defusing behavior: Towards an understanding of risky decision making. The European Journal of Cognitive Psychology, 13(1-2), 95-117.
- Schwartz, B. (2004). The paradox of choice: Why more is less. Harper Perennial.
- Hausmann, D., Zulian, C., Battegay, E., & Zimmerli, L. (2016). Tracing the decision-making process of physicians with a Decision Process Matrix. BMC Medical Informatics and Decision Making, 16, 133. doi: 10.1186/s12911-016-0369-1.
- Barais, M., Hauswaldt, J., Hausmann, D., Czachowski, S., Sowinska, A., Van Royen, P., & Stolper, E. (2017). The linguistic validation of the gut feelings questionnaire in three European languages. BMC Family Practice, 18, 54. doi.org/10.1186/s12875-017-0626-0.
- Hausmann-Thürig, D. (2010). Sinnen- und sinnvolleres Leben dank mentaler Auszeit oder: Wie man
längerfristig Ziele erreichen kann. In: 15. Öffentliche IKP-Fachtagung, Zürich, 6 March 2010, 1-17.
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