• Forschung und Praxis

Wenn das Smartphone zur Stressregulation wird

Digitale Medien sind für Jugendliche nicht nur Risiko, sondern auch Ressource. Entscheidend ist, wann eine übermässige Nutzung Stimmung, Aufmerksamkeit, Schlaf und Selbststeuerung untergräbt – und welche Prävention früh ansetzt.

Für einen gesunden Umgang mit dem Smartphone ist nicht die Bildschirmzeit entscheidend, sondern die Frage, wie diese genutzt wird. Bild: Adobe Stock / Cavan
Für einen gesunden Umgang mit dem Smartphone ist nicht die Bildschirmzeit entscheidend, sondern die Frage, wie diese genutzt wird. Bild: Adobe Stock / Cavan

Wenn wir über Jugendliche und digitale Medien sprechen, geraten wir schnell in Extreme. Die einen sehen im Smartphone vor allem eine Gefahr für das Selbstbild, für Stimmung, Schlaf, Konzentration und die gesamte psychische Gesundheit. Die anderen betonen, dass digitale Medien für Jugendliche auch Verbindung, sozialer Raum, Informationsquelle, Kreativitätsfeld und manchmal sogar Entlastung sind. Aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht ist deshalb nicht die pauschale Bildschirmzeit die entscheidende Grösse. Wichtiger ist zum Beispiel die Frage, wann Mediennutzung zur bevorzugten Strategie wird, um Stress, Langeweile, Einsamkeit oder unangenehme Gefühle zu regulieren. Oder ab wann soziale Medien durch ständige Vergleiche oder gar Mobbing zu einer Verschlechterung des Selbstbildes führen.

Alarmismus vermeiden

Die Pro-Juventute-Jugendstudie 2026 unter wissenschaftlicher Leitung der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (KJPP) [1] zeigt diese Ambivalenz ebenfalls deutlich. Schul- und Ausbildungsstress bleibt der wichtigste Belastungsfaktor. Sorgen um die berufliche Zukunft haben gegenüber der ersten Erhebung zugenommen. Rund die Hälfte der Jugendlichen berichtet, Mühe zu haben, das Smartphone wegzulegen; etwa jede bzw. jeder Fünfte schätzt den eigenen Medienkonsum als problematisch ein. Gleichzeitig werden soziale Medien häufiger als stimmungsverbessernd denn als direkt belastend beschrieben. Die sozialen Medien werden von 60 Prozent der Mädchen und Jungen als Coping-Strategien genutzt, vor allem zur Stressreduktion.

Das ist kein Widerspruch. Was kurzfristig beruhigt, ablenkt oder Zugehörigkeit vermittelt, kann langfristig Schlaf, Konzentration, Selbstregulation und emotionale Stabilität beeinträchtigen.

In meinen Vorträgen zur Studie habe ich deshalb bewusst vor Alarmismus gewarnt. Jugendliche sind nicht einfach «medienabhängig», weil sie mehrere Stunden täglich online sind. Die Adoleszenz ist eine Phase intensiver emotionaler, sozialer und kognitiver Entwicklung. Viele Jugendliche reagieren sensibel auf Weltgeschehen, Klimawandel, Leistungsdruck, soziale Normen und Vergleiche in Netzwerken. Digitale Medien können diese Belastungen verstärken – etwa durch ständige Erreichbarkeit, Cybermobbing oder unrealistische Schönheitsideale. Eine Netzwerkanalyse der Daten aus der Pro-Juventute-Studie zeigt, dass das ständige Sich-Vergleichen einer der grössten Risikofaktoren für psychische Gesundheit ist.

Projekt untersucht problematische Internetnutzung

Genau hier setzt das europäische Horizon-Projekt BootStRaP an, an dem ich als Schweizer Studienleiterin beteiligt bin. Das Projekt untersucht problematische Internetnutzung bei Jugendlichen in neun europäischen Ländern. Im BootStRaP Research Protocol sollen insgesamt mehr als 9000 Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren untersucht werden, die über mehrere Monate mit einer eigens entwickelten Smartphone-App begleitet werden.

Erfasst werden unter anderem Internetnutzung, psychische Gesundheit, Wohlbefinden, Emotionsregulation, kognitive Funktionen und passive Nutzungsdaten in Realtime über den Zeitraum von sechs Monaten. Aktuell werden in den Schulen, die sich am Projekt beteiligen, verschiedene App-basierte Präventionsstrategien eingesetzt. Uns interessiert nicht nur, wie lange Jugendliche online sind, sondern auch, welche Risikofaktoren – wie etwa ADHS oder Angst, erhöhte Impulsivität oder Stressreduktion durch Medien – problematische Nutzung begünstigen. Wir wollen herausfinden, welche präventiven Interventionen individuell helfen könnten. Erste Ergebnisse werden wir demnächst veröffentlichen. Erste Befunde zeigen, dass ca. 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler ein Risiko haben, einen ungünstigen Medienkonsum zu entwickeln. Es gibt aber auch Anlass zur Beruhigung: Bei Risikogruppen scheinen Präventionsmassnahmen zu greifen.

Mediennutzung als Teil der Anamnese

Für Ärztinnen und Ärzte in der Praxis bedeutet das: Mediennutzung sollte Teil der psychosozialen Anamnese sein, aber nicht moralisch abgefragt werden. Sinnvoll sind konkrete Fragen zu Schlaf, Tagesstruktur, schulischem Druck, körperlicher Aktivität, sozialen Beziehungen, Gaming, Social Media, Cybermobbing und KI-Nutzung bei Sorgen sowie zu Angst, Depression, ADHS oder anderen komorbiden Störungen. Auch körperliche Folgen wie Bewegungsmangel, Kopfschmerzen, Augenbelastung oder muskuläre Beschwerden gehören dazu. Wichtig ist auch die Frage, welche Funktion die Mediennutzung hat, z. B. Stressreduktion.

Prävention beginnt nicht erst bei der Suchtbehandlung, sondern im Alltag: mit realistischen Familienregeln, bildschirmfreien Zeiten, Medienkompetenz, verlässlichen Beziehungen, Bewegung und gut zugänglichen Hilfsangeboten.

Welche Massnahmen sind wirksam?

Bei Schülerinnen und Schülern, die noch kein erhöhtes Risiko für digitale Abhängigkeit entwickelt haben, zeigen sich Massnahmen für Medienkompetenz wirksam. Bei Schülerinnen und Schülern mit erhöhtem Risiko oder schon vorhandener pathologischer Nutzung sind kognitiv-behaviorale Interventionen wirksam. Fast alle Eltern wünschen sich Beratung. Sie übernehmen Schlüsselfunktionen, ob als Modell oder auch als Unterstützung, bei der Entwicklung von alternativen Coping-Strategien.

Achtsamkeitsübungen trainieren die Wahrnehmung

Besonders interessant ist die Frage, ob Achtsamkeitsinterventionen einen gegenläufigen Effekt entfalten können. Erste Studien zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen deuten darauf hin, dass Mindfulness-basierte Ansätze problematische Smartphonenutzung reduzieren, Selbstkontrolle stärken und depressive Symptome oder Schlafprobleme verbessern können. Die Evidenz ist noch heterogen; Achtsamkeit ist keine einfache Gegenmedizin zur Digitalisierung. Plausibel ist aber ein therapeutischer Gegensatz: Viele digitale Anwendungen sind auf schnelle Belohnung, Unterbrechung und Aufmerksamkeitsbindung optimiert. Achtsamkeitsübungen trainieren Wahrnehmung, Innehalten und den bewussten Umgang mit Impulsen.

Co-Creation von Empfehlungen

Zunächst einmal sollten wir nicht Empfehlungen ohne Einbezug von Jugendlichen aussprechen oder entwickeln, sondern Jugendliche fragen, was sie für sinnvoll halten und was ihr Bedarf ist. Dafür beziehen wir Jugendliche in unseren Projekten aktiv mit ein. In unserem EU-Horizon-Projekt BootStRaP wurden drei sogenannte Bootcamps durchgeführt, in denen Jugendliche, sogenannte Schul-Ambassadore, teilnahmen und mit Forschenden die Interventions-App gestalteten. Tatsächlich wollen Jugendliche überwiegend klare Policys, nicht einfache Time-Limits, sondern sie wünschen sich z. B. Schutz vor Sucht fördernden Algorithmen. Im Juni 2026 haben wir ein «Mini-Bootcamp» in Zürich mit Schülerinnen aus den Kantonen Zürich und Aargau organisiert und dabei gemeinsam Strategien für einen gesunden Medienkonsum diskutiert und zusammengefasst.

Zusammenfassung

Ich sehe insgesamt keinen Grund zur Dramatisierung, aber einen klaren Auftrag: Jugendliche brauchen keine pauschalen Verbote, sondern Unterstützung darin, Aufmerksamkeit, Emotionen und digitale Gewohnheiten selbst zu steuern. Wenn wir sie differenziert wahrnehmen, Risiken früh erkennen und Ressourcen stärken, kann Prävention dort ansetzen, wo sie im Jugendalter am wirksamsten ist, und bevor problematische Muster sich verfestigen.