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Welche Reformen braucht die medizinische Ausbildung? Ein White Paper gibt Antworten

Das kürzlich publizierte White Paper zur medizinischen Ausbildung, an dem auch der vsao mitgearbeitet hat, empfiehlt weitreichende Reformen der Studienzulassung und des Medizinstudiums. Auch der Einstieg ins Berufsleben soll in Zukunft besser gestaltet werden.

Im Medizinstudium soll in Zukunft mehr Wert auf soziale und kommunikative Fähigkeiten gelegt werden, um Absolvierende noch besser auf die Berufsrealität vorzubereiten. Bild: © Universität Zürich; Ursula Meisser
Im Medizinstudium soll in Zukunft mehr Wert auf soziale und kommunikative Fähigkeiten gelegt werden, um Absolvierende noch besser auf die Berufsrealität vorzubereiten. Bild: © Universität Zürich; Ursula Meisser

Die Gesundheitsversorgung in der Schweiz steht vor vielfältigen Herausforderungen. Der Bedarf an ärztlicher Versorgung steigt, denn die Bevölkerung wächst und wird älter. Zudem sorgt der medizinische Fortschritt für mehr Behandlungsmöglichkeiten. Trotz einer wachsenden Zahl an Ärztinnen und Ärzten gibt es je nach Region und Fachbereich bereits heute Versorgungsengpässe, insbesondere in der Grundversorgung.

Nationale und kantonale Vorstösse

Es ist deshalb unbestritten, dass mehr Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz ausgebildet werden müssen. Folgerichtig hat das nationale Parlament 2024 die Motionen Hurni und Roduit angenommen. Damit wurde der Bundesrat beauftragt, mehr Aus- und Weiterbildungsplätze in Humanmedizin zu schaffen, die Auswahlkriterien für das Studium zu überdenken und Massnahmen vorzuschlagen, wie die Grundversorgung, namentlich die Hausarztmedizin, gestärkt werden kann.

Der Kanton Zürich hat bereits beschlossen, die Zahl der Medizin-Studienplätze bis 2030 von heute 430 auf 700 zu erhöhen. Auch im Kanton Bern nahm der Grosse Rat im Herbst 2025 eine Motion an, die den Regierungsrat beauftragt, mehr Studienplätze in Humanmedizin zu schaffen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass damit die Grundversorgung gestärkt wird.

Was brauchen künftige Medizinerinnen und Mediziner?

Interessierte gibt es genug. Die Zahl der Anmeldungen für den Eignungstest, der an den Deutschschweizer Universitäten für die Zulassung zum Medizinstudium verlangt wird, übersteigt die Zahl der verfügbaren Plätze bei Weitem. Allerdings ist der Druck bereits während des Studiums gross, und viele Ärztinnen und Ärzte leiden vor allem in den ersten Berufsjahren unter den hohen Belastungen der Assistenzzeit. Zudem hat sich der Arztberuf verändert. Gestiegene Ansprüche von Patientinnen und Patienten, Digitalisierung und administrative Zusatzaufgaben sind Stichworte, die in der Ausbildung vermehrt berücksichtigt werden müssen.

Angesichts dieser Situation und der identifizierten Herausforderungen haben sich die Schweizerische Medizinische Interfakultätskommission (SMIFK), die Vereinigung der medizinischen Fakultäten (Collège des Doyens) und das Schweizerische Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF) gemeinsam mit dem vsao und der Vereinigung der Medizinstudierenden (swimsa) mit der Frage auseinandergesetzt, wie das Medizinstudium reformiert und an die neuen Gegebenheiten angepasst werden kann. Entstanden ist daraus das «White Paper on Medical Education and Students», das im Mai 2026 publiziert worden ist.

Das Paper will einen Beitrag zur laufenden Debatte leisten, indem es die aktuelle Situation analysiert und Empfehlungen für die Zukunft der medizinischen Ausbildung abgibt. Mit den Empfehlungen wollen die Autorinnen und Autoren dazu beitragen, dass junge Medizinerinnen und Mediziner auch in Zukunft den Anforderungen gewachsen sind, die an sie gestellt werden. Die Empfehlungen sind unterteilt in die drei Phasen «Zulassung zum Studium», «Studium» und «Übergang ins Berufsleben».

Zulassung: Ein einheitliches Verfahren für die ganze Schweiz

Das White Paper empfiehlt in Bezug auf die Zulassung zum Studium zuallererst, die Zahl der Studienplätze zu erhöhen. Es hält fest, dass diese Erhöhung unbedingt zwischen Bund, Kantonen und Universitäten koordiniert werden müsse. Es brauche dafür eine strategische Perspektive, mit einem Blick dafür, wie viele Ärztinnen und Ärzte in Zukunft benötigt werden.

Die Selektionsmethode müsse zudem erweitert werden. Das aktuelle Modell ermögliche zwar eine sehr gute Selektion in Bezug auf kognitive Kriterien, andere wichtige Fähigkeiten würden aber zu wenig berücksichtigt. Empfohlen wird deshalb, ins Zulassungsverfahren zusätzliche Kompetenzen wie emotionale Intelligenz, Kommunikation, Einfühlungsvermögen, Resilienz und Selbstwahrnehmung einzubeziehen. Dafür werden verschiedene Testverfahren genannt, die teilweise in anderen Ländern und Kontexten bereits angewandt werden.

Explizit abgeraten wird von zusätzlichen Spitalpraktika, da diese das Gesundheitssystem über Gebühr belasten würden. Zudem empfiehlt der Bericht, das Zulassungsverfahren national zu vereinheitlichen, da die aktuelle Fragmentierung mit verschiedenen Verfahren je nach Sprachregion und Fakultät zu unerwünschten Ungleichheiten führt.

Studium: Mehr Gewicht auf soziale und kommunikative Fähigkeiten

Die Schweiz verfügt über ein Modell, das die Bildungsziele definiert, den Fakultäten aber gleichzeitig Freiheiten darin lässt, wie diese erreicht werden sollen. Das White Paper hält bezüglich des Studiums fest, dass dieses Modell prinzipiell richtig ist und beibehalten werden soll. Allerdings müsse der Fokus in Zukunft weniger stark auf die Entwicklung des reinen Fachwissens, sondern noch stärker auf Fähigkeiten wie kritisches Denken, Kreativität, Kommunikation und Reflexion gelegt werden, um die Studierenden besser auf die Berufsrealität vorzubereiten.

Die Autorschaft geht davon aus, dass im Wissensbereich in Zukunft immer mehr Unterstützung von modernen KI-gestützten Technologien kommen wird und deshalb die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten für Ärztinnen und Ärzte wichtiger werden. Ebenso halten die Autorinnen und Autoren fest, dass viele Studierende mit grossem Stress zu kämpfen haben, und empfehlen deshalb den Ausbau von Beratungs- und Mentoringangeboten, die Studierende bei der Bewältigung von Stress unterstützen.

Übergang: Bessere Koordination zwischen Spitälern und Universitäten

Schliesslich misst das White Paper auch der Übergangsphase vom Studium in die ärztliche Weiterbildung grosses Gewicht zu. Wie sich auch in Mitgliederbefragungen des vsao immer wieder zeigt, empfinden viele Assistenzärztinnen und -ärzte diesen Übergang als schwierig. Die Autorinnen und Autoren plädieren dafür, dass sich Universitäten und Spitäler bei der Gestaltung dieses Übergangs besser untereinander abstimmen. Unter anderem sei es wichtig, dass Vorgesetzte in den Weiterbildungsstätten genügend Zeit erhalten, um die ihnen unterstellten Assistenzärztinnen und -ärzte adäquat zu betreuen. Auch der Stellenwert der strukturierten Weiterbildung müsse erhöht werden, und der Qualitätssicherung im Wahlstudienjahr müsse mehr Aufmerksamkeit zukommen. Nicht zuletzt hält das White Paper fest, dass sich die Weiterbildungsinstitutionen darum bemühen müssen, die Arbeitsbedingungen für die Ärztinnen und Ärzte zu verbessern. Um deren Berufsverweildauer und -zufriedenheit zu erhöhen, ist dies wohl der entscheidende und wichtigste Faktor.

Das White Paper steht auf der SMIFK-Website zum Download zur Verfügung.