- Aufgefallen
Vom (Un-)Glück, das keins war
Vor 50 Jahren erhielt der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg das Manuskript eines unbekannten Zürcher Autors, der im Sterben lag, zur Prüfung: «Mars» wurde zu einem der prägendsten Bücher der 1980er-Jahre – und ist bis heute aktuell.
11.08.2026
In «Mars» berichtet Fritz Angst autobiografisch über sein, aus seiner Sicht, «missratenes» Leben. Er wächst Mitte des 20. Jahrhunderts als Sohn wohlhabender Eltern am rechten Ufer des Zürichsees auf, an der Goldküste, einer der privilegiertesten Gegenden der Schweiz. Ohne materiellen Mangel, ohne schulische Schwierigkeiten und ohne äussere Widerstände. Ein «harmonisches» Glück, das für ihn zur Belastung wird. Erzogen zum «perfekten Jasager», wie er sich selbst beschreibt; erzogen dazu, weder spontane Gefühle noch Vorlieben zu entwickeln, geschweige denn zu artikulieren; erzogen zur Unfähigkeit, Freundschaften oder Liebesbeziehungen einzugehen und zu pflegen – erscheinen ihm die anderen doch immer irgendwie «peinlich». Sich zunehmend als leere Hülle empfindend, untersucht der Autor in «Mars» seine Umwelt und sich selbst mit schonungsloser Genauigkeit und Sprachwitz, um rückblickend zu der Erkenntnis zu gelangen: «Ich erfüllte alle Voraussetzungen, um ein sehr unglücklicher Mensch zu werden.» Und das wird er. Am Ende der Adoleszenz erkrankt Fritz an einer schweren Depression, die ihn fortan begleiten wird. Offen beschreibt er seine Gemütszustände, die bisweilen bedrückend greifbar werden. Und von denen niemand etwas ahnt.
«Die beste Idee, die ich je hatte»
Zehn Jahre später bemerkt Fritz eine Geschwulst am Hals, die er sich zunächst als «verschluckte Tränen» erklärt. Dem damaligen Stand der Medizin geschuldet wird zwar die Diagnose Krebs gestellt, neben einer Operation zur Entfernung des entarteten Gewebes kann man ihm jedoch keine Behandlungsmöglichkeiten anbieten. Die Unfähigkeit der Ärzteschaft, offen über seine Krankheit zu sprechen, begreift er als Ausdruck der allgemeinen gesellschaftlichen Verdrängung. In anklagendem Ton beschreibt er das Ausweichen und Übergehen überall dort, wo ein Thema unangenehm, eben «schwierig», wird – ein Vorwurf, der auch heute noch nachvollziehbar wirkt und besonders uns Ärztinnen und Ärzte hellhörig werden lassen sollte. Trotzdem findet er im Krebs paradoxerweise eine Form von Sinnhaftigkeit: «Wenn es überhaupt möglich ist, den Krebs als eine Idee zu bezeichnen, so möchte ich bekennen, dass es die beste Idee, die ich je hatte, gewesen ist, Krebs zu bekommen.»
Eine persönliche Art der Rebellion
Denn im Krebs erkennt Fritz den körperlichen Ausdruck seines seelischen Leidens; die Krankheit erscheint ihm als Konsequenz eines Lebens, das er nie wirklich als sein eigenes empfunden hat. Zynisch hält er fest: «Na, wenn’s mit dem Leben so gar nicht gehen will, so versuchen wir’s mal mit dem Sterben.» Angespornt durch den drohenden Tod beschliesst Fritz, seine Gedanken niederzuschreiben. Er rechnet ab mit seinen Eltern, der Gesellschaft, Zürich, der Schweiz, gar mit Gott und sich selbst. Aus der literarischen Rumination seiner gewonnenen Erkenntnisse wird eine persönliche Art der Rebellion. Sein Manuskript wird zum Manifest, zum Ausdruck eines letzten, verzweifelten Versuchs eines Todgeweihten, das eigene Leben in ein grosses Ganzes einzuordnen, und kulminiert schliesslich erbittert im letzten Satz des Buches: «Ich erkläre mich als im Zustand des totalen Krieges.» Das Pseudonym, das er für die Veröffentlichung wählt, fasst seinen Gemütszustand letztendlich in einem einzigen Wort zusammen: Zorn.
Adolf Muschg reicht das Manuskript im Oktober 1976 mit dringlicher Empfehlung zur Annahme an einen befreundeten Verleger weiter. Die Veröffentlichung des Buches, das zum Standardwerk der 1980er-Bewegung und in mehrere Sprachen übersetzt werden wird, erlebt Fritz Angst jedoch nicht mehr. Einen Tag nach Annahme des Manuskripts, am 2. November 1976, verstirbt Fritz Zorn, geboren Angst, mit 32 Jahren im Kantonsspital Zürich an den Folgen seines metastasierten malignen Lymphoms.
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