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«Viele fühlen sich von der Fülle der Aufgaben überwältigt»
Der Arztberuf ist schön, aber sehr fordernd. Dies zeigt die Mitgliederumfrage 2026 des vsao. Resilienz-Expertin Christina Venzin spricht im Interview über die Umfrageergebnisse, Unsicherheiten, die Verantwortung von Vorgesetzten sowie Reframing bei administrativen Aufgaben.
09.06.2026
Zu lange Arbeitszeiten, unnötig viel Bürokratie, häufige Erschöpfung – und gleichzeitig eine hohe Arbeitsmotivation. Zu diesen Ergebnissen kommt die kürzlich publizierte vsao-Mitgliederumfrage 2026. Den Herausforderungen junger Ärztinnen und Ärzte begegnet Christina Venzin sowohl im klinischen Alltag als leitende Ärztin Nephrologie/Dialyse am Spital Davos als auch als Dozentin bei verschiedenen Weiterbildungsprogrammen zu den Themen Leadership und Resilienz. Im Interview ordnet sie einige Umfrageergebnisse ein.
Insgesamt zeigen sich Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte zufrieden mit ihrem Beruf. Dennoch fühlen sich viele häufig müde oder gar ausgelaugt. Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären?
Der ärztliche Beruf fordert ein hohes zeitliches Engagement und viel Flexibilität. Und gerade zu Beginn der Laufbahn ist vieles neu: interne Abläufe, die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen, abrechnungstechnische Aspekte sowie die Erwartungen von Patientinnen und Patienten, die vielfältiger geworden sind. Es reicht also nicht, das im Studium erworbene medizinische Wissen anzuwenden. Im besten Fall wirkt all dies stimulierend, führt zu einer steilen Lernkurve und zeigt den jungen Ärztinnen und Ärzten die Sinnhaftigkeit ihres Berufs und ihre Selbstwirksamkeit auf. Jedoch ist es nicht immer so: Viele fühlen sich von der Fülle der Aufgaben überwältigt oder verunsichert. Wir wissen aus einer Studie von 2022 [1], dass diese Unsicherheit drei Bereiche betrifft:
- Was muss ich wissen bzw. wie gehe ich produktiv mit Wissenslücken um?
- Wo liegt die Grenze zwischen menschlicher Zugewandtheit und professioneller Distanz?
- Und wie gehe ich damit um, dass der Beruf einen grossen Teil meines Lebens einnimmt?
Wir sprechen oft über die Arbeitszeiten und die Bürokratie, aber auch diese Unsicherheiten können zu Erschöpfung führen, wenn sie als Distress wahrgenommen werden. Und während es bei Arbeitszeiten und Bürokratie strukturelle Veränderungen braucht, um etwas zu verbessern, können Führungspersonen in diesen Bereichen viel einfacher und direkter ansetzen.
Wie sähe dies konkret aus?
Wir als Führungspersonen sollten jungen Ärztinnen und Ärzten vermitteln, wie man produktiv mit diagnostischen Unsicherheiten umgeht, und sie erleben lassen, wie viel Spass Clinical Reasoning machen kann. Was die Empathie gegenüber Patientinnen und Patienten betrifft, sollten wir einerseits offen über unsere eigenen Empfindungen sprechen und andererseits auf einer Metaebene darüber diskutieren. Etwa dann, wenn wir im Team gemeinsam überlegen, wie wir einen Patienten mit einem unheilbaren Tumor bestmöglich im Umgang mit seinen Emotionen unterstützen können.
Und was hilft, damit umzugehen, dass der Arztberuf einen grossen Teil des eigenen Lebens einnimmt?
Man kann die eigene Resilienz stärken. Eine grosse Metaanalyse [2] zeigt, dass es drei Faktoren gibt, die wissenschaftlich gut belegt sind: soziale Interaktionen, Erlebnisse in der Natur und Dankbarkeit. Was Letztere betrifft, gibt es eine einfache Übung: Egal, wie gut oder schlecht der Tag war, macht man sich am Abend zwei, drei Dinge bewusst, die einem Freude bereitet haben oder die gut waren. Dies schult den Blick für die positiven Dinge und verändert unser Denken und unsere Wahrnehmung nachhaltig.
Aber es braucht vielerorts auch ein Umdenken auf der Führungsebene: Eine Person ist nicht weniger engagiert oder motiviert, wenn sie nicht Vollzeit arbeitet – im Gegenteil: Abwechslung, sei es durch die Familie, ein Hobby oder eine weitere Beschäftigung, kann sehr stimulierend wirken.
Mit einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 54 Stunden für eine Vollzeitstelle ist die Arbeitszeit zu hoch. Gibt es Strategien, die helfen, die effektive Arbeitszeit zu verringern?
Wenn das Arbeitszeitgesetz verletzt wird, sollte man sich zusammentun und gemeinsam mit anderen Kolleginnen und Kollegen auf die Vorgesetzten zugehen.
Um selbst effizienter zu werden, gibt es unzählige Zeitmanagementtipps, und letztlich muss man für sich selbst herausfinden, was gut funktioniert. Aber grundsätzlich zeigt die Forschung, dass man mit langer Arbeitszeit ohne Pause ermüdet und weniger produktiv wird. Die Mittagspause vor dem Bildschirm ist also keine gute Idee. Stattdessen sollte man lieber kurz rausgehen oder gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen essen, um danach umso effizienter wieder einsteigen zu können (Anm. d. Red.: siehe auch Artikel «Pause mit Seltenheitswert»).
Neben den kurzen Pausen im Arbeitsalltag lohnt es sich, echte Erholungsphasen aktiv einzubauen. Dazu gehört es vielleicht auch, die Ansprüche an sich etwas herunterzuschrauben. Natürlich ist es schön, wenn am Abend alles erledigt ist. Aber manchmal macht es mehr Sinn, administrative Arbeiten am Abend einmal abzubrechen und sie am nächsten Morgen zu Ende zu bringen, wenn man wieder frisch ist – sofern dies für Patientinnen und Patienten sowie Kolleginnen und Kollegen nicht nachteilig ist. Ich als Morgenmensch mache das oft so.
Sehen Vorgesetzte dies gerne?
Ich erlebe da ein Umdenken. Mittlerweile achten viele Vorgesetzte darauf, dass ihre Mitarbeitenden nicht zu viele Überstunden machen, und begrüssen es, wenn sie mal früher gehen. Aber natürlich ist das nicht überall gleich, und der Handlungsspielraum im klinischen Alltag ist begrenzt. Doch das Argument, dass es früher so war, zieht nicht mehr. Unser Beruf verändert sich – und zwar schneller denn je. Wir müssen uns fragen, wie wir mit den heutigen Anforderungen, veränderten Erwartungen seitens Patientinnen und Patienten und der gestiegenen Komplexität sinnvoll Medizin betreiben können. Dazu brauchen wir auch die Meinung der jüngeren Generationen.
Insbesondere Assistenzärztinnen und -ärzte verbringen viel Zeit mit Bürokratie und viele sind der Meinung, dass sich diese mit einfachen Massnahmen reduzieren liesse. Wie beeinflusst dies die Arbeitsmotivation?
Ich erlebe häufig, dass Administration und Dokumentation allgemein als etwas Negatives, Fremdbestimmtes wahrgenommen werden. Autonomie heisst aber nicht, dass ich tun und lassen kann, was ich will. Vielmehr geht es um das Gefühl, dass ich mich freiwillig für eine Arbeit entschieden habe, die ich als sinnvoll empfinde. Und bei einem Teil der Bürokratie, beispielsweise bei Übergaben oder Berichten an Hausarztpraxen, lässt sich dieser Sinn durchaus erkennen. Indem ich mir also überlege, inwiefern diese Arbeit auch in meinem Interesse erfolgt, bewerte ich die Aufgabe anders.
In anderen Fällen, etwa der dritten Rückfrage einer Krankenkasse, fällt dieses Reframing natürlich schwerer. Trotzdem versuche ich zu verstehen, was unklar war, und dies beim nächsten Mal zu vermeiden, beispielsweise indem ich Gesuche evidenzbasiert begründe oder Kolleginnen und Kollegen um Tipps für die Argumentation gegenüber der Krankenkasse bitte. Und dann gibt es natürlich auch stupide Dinge, beispielsweise nicht kompatible Systeme. Dort kann es sinnvoll sein, proaktiv Lösungen oder auch unkonventionelle Ideen einzubringen – selbst wenn nicht alles sofort umsetzbar ist.
Wir befinden uns derzeit in einer unglaublich spannenden Phase des Umbruchs – KI ist nur ein Aspekt davon. Diese Phase sollten wir aktiv und kreativ mitgestalten. Auch das fördert übrigens die Motivation.
Angebote zu Resilienz und Leadership
Selbstführung und Resilienz sind auch Thema im CAS «Leadership in Health Care Organisations» der Universität Bern. Nächste Durchführung: ab Januar 2027.
Auch der vsao bietet mehrmals pro Jahr Webinare und Workshops zu den Themen Resilienz und Zeitmanagement an – teilweise in Zusammenarbeit mit Christina Venzin.
Zur Person
Christina Venzin ist nach über 20 Jahren noch immer gerne als Ärztin tätig und leitet den Masterstudiengang «Leading Learning Healthcare Organisations» an der Universität Bern. Die Kombination aus ärztlicher und nicht ärztlicher Tätigkeit – mit der Betrachtung der Dinge auf einer Metaebene – empfindet sie als besonders stimulierend.
Literatur
- Stephens GC, Sarkar M, Lazarus MD. 'A whole lot of uncertainty': A qualitative study exploring clinical medical students' experiences of uncertainty stimuli. Med Educ. 2022 Jul;56(7):736–746. doi: 10.1111/medu.14743. Epub 2022 Feb 16. PMID: 35130579; PMCID: PMC9306844.
- Folk D, Dunn E. A systematic review of the strength of evidence for the most commonly recommended happiness strategies in mainstream media. Nat Hum Behav. 2023 Oct;7(10):1697–1707. doi: 10.1038/s41562-023-01651-4. Epub 2023 Jul 20. PMID: 37474838.