• Grün im Alltag

«Umweltfreundlichere Alternativen sind genauso sicher»

Weniger Einwegmaterial, eine auf das Nötigste beschränkte Sterilisation und Gespräche mit Patientinnen und Patienten über Umweltfragen: Für Vincent Cattin, Dermatologe in Neuenburg, gehört ökologisches Bewusstsein zur Verantwortung von Ärztinnen und Ärzten. Deshalb hat er bestimmte Aspekte seines Berufsalltags angepasst.

Wiederverwendbare und sterilisierbare Instrumente schonen die Umwelt – paradoxerweise verursacht ihr Einsatz in der Praxis höhere Kosten als Einwegmaterial. Bild: zvg
Wiederverwendbare und sterilisierbare Instrumente schonen die Umwelt – paradoxerweise verursacht ihr Einsatz in der Praxis höhere Kosten als Einwegmaterial. Bild: zvg

Vincent Cattin, welchen Zusammenhang gibt es zwischen Dermatologie und Klimawandel?

Einerseits hat unsere tägliche Arbeit direkte Auswirkungen auf die Umwelt, beispielsweise beim Verbrauchsmaterial; andererseits wirkt sich der Klimawandel unmittelbar auf die Hautgesundheit aus. Es ist ein Anstieg von Infektionskrankheiten, der mit der Ausbreitung bestimmter Überträger wie Zecken zusammenhängt, zu beobachten, ebenso wie das vermehrte Auftreten von tropischen Krankheiten und die Zunahme bakterieller Resistenzen. All dies macht die Haut anfälliger.

Angesichts dieser Entwicklungen kommt der Ärzteschaft eine wichtige Rolle zu. Es geht darum, dass sie vermehrt eine moralische Verantwortung übernimmt, was bis anhin nur selten der Fall gewesen ist.

Grün im Alltag

Auch kleine Massnahmen können viel bewirken. Die Serie «Grün im Alltag» zeigt, wie Ärztinnen und Ärzte mit einfachen Umstellungen einen Beitrag für ein nachhaltigeres und ökologischeres Gesundheitswesen leisten.

Welche konkreten Massnahmen setzen Sie in Ihrer täglichen Arbeit um?

Erstens reduziere ich den Einsatz von Einwegmaterial, indem ich wiederverwendbare und sterilisierbare Instrumente bevorzuge, obwohl die wirtschaftlichen Anreize leider immer noch den Gebrauch von Wegwerfmaterial fördern.

Zweitens habe ich im Alltag einfache Änderungen eingeführt: Ich verwende Stoffunterlagen, die aus der Tiermedizin bekannt sind, verzichte auf Papier auf den Behandlungstischen zugunsten einer Desinfektion und gebe keine Mustersalben ab, die besonders umweltschädlich sind. Auch wurden bestimmte medizinische Praktiken neu bewertet. Eine absolute Sterilität ist bei kleineren dermatologischen Eingriffen nicht immer erforderlich. Eine gründliche Desinfektion in Verbindung mit nicht sterilen Handschuhen gewährleistet eine ausreichende Sicherheit und verringert gleichzeitig die Umweltbelastung.

Drittens vermeide ich unnötige Fahrten dank digitaler Kommunikation und ermutige Patientinnen und Patienten, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Zudem versuche ich, in meinen Sprechstunden und durch meine Publikationen das Bewusstsein für diese Fragen zu schärfen.

Kann man diese Änderungen umsetzen, ohne die Versorgungsqualität zu beeinträchtigen?

Ja. Das bedeutet zwar, dass man bestimmte Gewohnheiten hinterfragen muss, doch wissenschaftliche Daten belegen, dass umweltfreundlichere Alternativen genauso sicher sind. Es ist absolut möglich, diese Änderungen umzusetzen, ohne die Versorgungsqualität zu beeinträchtigen. Und wenn Widerstände von Patientinnen oder Patienten kommen, die Einwegprodukte nach wie vor mit Sicherheit gleichsetzen, muss man einen pädagogischen Ansatz wählen und das Vorgehen transparent darlegen. Bisher hatte ich in diesem Zusammenhang noch nie Probleme mit Patientinnen oder Patienten.

Was hat Sie dazu bewogen, sich für Klima- und Nachhaltigkeitsfragen in der Medizin zu engagieren?

Ich engagiere mich aus Sorge für die Zukunft, für die künftigen Generationen und insbesondere für meine Töchter. Dies hat mich unter anderem dazu veranlasst, der Climate Task Force der Europäischen Akademie für Dermatologie und Venerologie (EADV) beizutreten. Aber nicht nur das! Mein Ziel ist es, innerhalb der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie eine Arbeitsgruppe für Planetary Health zu gründen, um das Bewusstsein für dieses Thema in unserem Fachgebiet in der Schweiz zu stärken.

Mein Interesse gilt auch den Zusammenhängen zwischen Gesundheit und Politik. Daher engagiere ich mich heute mit verschiedenen Initiativen und Kampagnen, insbesondere mit den Neuenburger Grünen.