• Unvergessen

Symptom, Struktur und Sinn: ein Fall aus der Transitionspsychiatrie

Eine junge Frau sucht psychiatrische Hilfe, weil sie glaubt, an einer Depression zu leiden. Doch die Behandlung greift nur teilweise – und nach und nach wird klar, dass ihre Beschwerden eine andere Ursache haben.

Sie kam an einem Donnerstagnachmittag zu einem Erstgespräch in die ambulante Sprechstunde. Eine junge Frau, 24 Jahre alt, gerade das KV abgeschlossen, blass, die Schultern leicht nach vorn gezogen. Die Müdigkeit in ihrem Blick war das Erste, was auffiel. «Ich glaube, ich bin depressiv, und ich muss mich ständig verstellen», sagte sie, kurz nachdem sie Platz genommen hatte. Der Satz klang nicht klagend, sondern wie eine Diagnose, die sie selbst schon gestellt hatte – eine pragmatische Erklärung für eine diffuse, aber quälende Erschöpfung.

Unvergessen

In ihrem Alltag erleben Ärztinnen und Ärzte die Schicksale verschiedenster Menschen hautnah mit – und trotz aller professioneller Distanz lassen sie viele Erlebnisse nicht unberührt. In der Serie «Unvergessen» erzählen Ärztinnen und Ärzte – von der Geburtshilfe bis hin zur Geriatrie – von einem Fall, der sie besonders geprägt hat.

Selbstzweifel und eine verstellte Stimme

Im Erstgespräch beschrieb sie typische Symptome einer mittelgradigen depressiven Episode: Rückzug, Interessenverlust, Erschöpfung, frühes Erwachen, Schuldgefühle, anhaltende Selbstzweifel. Sie berichtete zudem über ausgeprägte Konzentrationsprobleme, die sie seit Monaten belasteten. Diese führten dazu, dass sie zunehmend weniger arbeiten konnte.

Als besonders belastend beschrieb sie die Situation am Arbeitsplatz. Nach der Ausbildung bei einer renommierten Bank wurde sie in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen. Eindrücklich war die Schilderung, wie sie sich für diese Tätigkeit verstellen musste – zum Beispiel, indem sie ihre Stimme verstellte. Die Kleidungsordnung empfand sie zunehmend als einschränkend, und im Team war der Druck hoch. Bei ihr kam das Gefühl auf, nur noch zu funktionieren und sich selbst dabei zu verlieren.

Im Rahmen der Psychoedukation erklärte ich, dass ich ihr eine multimodale Behandlung mit einer Kombination von Psychotherapie und medikamentöser Behandlung vorschlagen würde. Dabei stand am Anfang vor allem die depressive Stimmung im Vordergrund. Sie sprach auch über eine innere Stimme, die sie kritisierte: «Nichts bekommst du hin» und «Du passt hier nicht hin».

Nach etwa sechs Wochen stellte sich eine gewisse Stabilisierung ein. Ihre Stimmung verbesserte sich leicht, doch etwas blieb widersprüchlich: Die Konzentrationsprobleme, die mangelnde Organisation, das ständige Vergessen von Terminen – all das verschwand nicht. Im Gegenteil: Mit der Besserung der Depression traten diese Schwierigkeiten deutlicher hervor.

In einer Sitzung schilderte sie mir ein typisches Erlebnis: «Ich stand im Supermarkt, wollte nur Hafermilch kaufen – und dann stehe ich da, lese alle Etiketten, kann mich nicht entscheiden, verliere den Überblick, gehe ohne irgendwas wieder raus.» Anhand dieses Beispiels thematisierte ich mit ihr das mögliche Vorliegen einer ADHS. Ich fragte, ob sie das schon früher erlebt habe. Sie nickte. In der Schule habe sie Aufgaben nie zu Ende gebracht, sei «ewig verträumt» gewesen, habe den Unterrichtsstoff zwar verstanden, aber nie rechtzeitig abgegeben. Ihre Mutter habe das stets als Faulheit gedeutet, Lehrer als mangelnde Disziplin.

Wir führten eine strukturierte Exploration durch: Kindheitsanamnese, Funktionsbeeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen, Ausschluss anderer Ursachen. Die Merkmale erfüllten deutlich die Kriterien einer ADHS, vorwiegend unaufmerksamer Subtyp.

Diese neue Diagnose veränderte vieles. Sie eröffnete ein neues Verständnis ihrer Lebensgeschichte. Was sie bisher als moralisches Versagen gedeutet hatte – die chronische Unzuverlässigkeit, das Aufschieben, die innere Unruhe – bekam einen kontextuellen Rahmen. «Vielleicht bin ich gar nicht faul – vielleicht war ich einfach immer zu überfordert», sagte sie.

Therapieanpassung führte zu neuer Selbstwahrnehmung

In der Therapie vollzog sich eine entscheidende Verschiebung: Der Fokus lag nun weniger auf der blossen Symptombehandlung der Depression, sondern auf therapeutischer Arbeit zur ADHS, Strukturaufbau und Selbstmitgefühl. Wir experimentierten mit Methoden des Selbstmanagements – kurzen, klaren Aufgaben, visuellen Erinnerungen, regelmässigen Pausen. Parallel dazu arbeiteten wir an der Depression, die nun zunehmend als sekundär und reaktiv erschien, durch jahrelange Überforderung und Selbstabwertung.

Nach einigen Monaten zeigte sich ein neues Bild: Ihre Stimmung stabilisierte sich, sie gewann ihre Zuversicht zurück. Besonders bedeutsam war die Wandlung in ihrer Selbstwahrnehmung. «Ich glaube, ich war nie kaputt», sagte sie gegen Ende einer Sitzung. «Ich war nur in der falschen Umgebung.» Sie beendete das Arbeitsverhältnis bei der Bank und ist nun in einem kreativen Beruf tätig. Dort kann sie ihre Stärken wie schnelle Auffassungsgabe, Kreativität und den spontanen Umgang mit Veränderungen sehr gut einbringen.

Für mich als Arzt und Psychotherapeut war diese Entwicklung exemplarisch für die Bedeutung entwicklungspsychopathologischer Sensibilität: Depression und ADHS sind häufig koexistent. Der Blick auf die individuelle Lebensgeschichte in der Psychotherapie kann dabei sowohl die Belastungen ernst nehmen und verändern als auch Ressourcen und Stärken bei unseren Patientinnen und Patienten zum Vorschein bringen – und somit zu ihrer Individuation beitragen.

Zur Person

Dr. med. Stephan Kupferschmid ist Arzt und Psychotherapeut sowie systemischer Supervisor. Seine Schwerpunkte liegen in den Feldern Transitionspsychiatrie, Suizidprävention, Kinder psychisch belasteter Eltern und ADHS.