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Sind wir bereit? Die medizinische Ausbildung in Zeiten der Klimakrise

In den vergangenen Wochen kamen Gesundheitseinrichtungen an den Anschlag, Infrastruktur wurde lahmgelegt und Hunderte Personen verloren ihr Leben. Grund dafür: eine Hitzewelle, verursacht durch die Klimakrise. Doch ist diese neue Realität in der medizinischen Ausbildung angekommen?

Der Klimawandel beeinflusst das Gesundheitswesen und verändert die ärztliche Arbeit. Es ist deshalb dringend nötig, dies auch in der medizinischen Aus- und Weiterbildung zu berücksichtigen. Bild: Adobe Stock / Dmitry Vereshchagin
Der Klimawandel beeinflusst das Gesundheitswesen und verändert die ärztliche Arbeit. Es ist deshalb dringend nötig, dies auch in der medizinischen Aus- und Weiterbildung zu berücksichtigen. Bild: Adobe Stock / Dmitry Vereshchagin

Es wird heiss, heiss, heiss! Mit welchen Temperaturen wir jetzt und noch verstärkt in der Zukunft rechnen müssen, haben Juni und Juli 2026 nochmals verdeutlicht. Solche Sommertemperaturen haben einen massiven Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung: Bei Hitze verstärken sich Herz-Kreislauf-Probleme und Diabetes [1], die Wahrscheinlichkeit für Nierenerkrankungen steigt, ebenso das Risiko für zerebrovaskuläre Erkrankungen [2]. Es kommt zu mehr Hospitalisationen und Notfallaufnahmen [3]. Allein im Jahr 2024 kam es in der Schweiz zu 326 Todesfällen aufgrund der Hitzebelastung [4]. Bei hohen Temperaturen verschlechtert sich auch die kognitive Funktion [5], und die Arbeitsfähigkeit [6] nimmt ab. Zentral bei all diesen Gesundheitsfolgen ist zudem, dass vulnerable Personen wie Kinder, Schwangere oder ältere Menschen besonders betroffen sind. Gleiches gilt für ethnische Minderheiten sowie Personen mit Migrationshintergrund, niedrigem sozioökonomischem Status, chronischen Krankheiten oder Behinderungen [7].

Die Hitze führt also zu einer grossen zusätzlichen Belastung des Gesundheitssystems und zu entsprechenden Mehrkosten [8]. Dazu kommen weitere Gesundheitsfolgen der Klimakrise durch Luftverschmutzung, die sich verändernden Ausbreitungsgebiete von vektorübertragenen Krankheiten (beispielsweise durch die Tigermücke), zunehmende Umweltkatastrophen [7] sowie zunehmende und verstärkte Allergien [9]. Nicht vergessen werden darf auch die psychische Belastung, die ein Leben in einem zunehmend destabilisierten Ökosystem mit sich bringt, insbesondere für die jüngeren Generationen. Steigende Temperaturen führen erwiesenermassen zu einer stärkeren Belastung der psychischen Gesundheit: Unter anderem steigen Suizidraten und Hospitalisationen wegen psychischer Erkrankungen an. Das Risiko für posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) nach erlebten Naturkatastrophen ist hoch [10].

Klar ist, dass unsere Gesundheit und somit auch unser Gesundheitssystem massiv von der Klimakrise beeinflusst werden und es deshalb von grosser Wichtigkeit und Dringlichkeit ist, das Gesundheitspersonal entsprechend auszubilden. Auch die Internationale Assoziation für Gesundheitsausbildungen AMEE hält dies in einem Consensus Statement fest [11].

Bereitet das Medizinstudium adäquat auf diese Herausforderungen vor?

Die Schweizerische Medizinische Interfakultätskommission (SMIFK), verantwortlich für die Koordination der medizinischen Ausbildung in der Schweiz, hält in den PROFILES 2023 die Wichtigkeit einer entsprechenden Ausbildung explizit fest [12]. Dennoch mangelt es vielerorts an einer ausreichenden Integration des Themas in die medizinische Ausbildung.

Festzustellen ist dies unter anderem im Bericht der Planetary Health Report Card (PHRC). Die PHRC wird als studentische Initiative seit 2022/2023 in der Schweiz erhoben. In den fünf verschiedenen Kategorien Curriculum, Forschung, Unterstützung studentischer Initiativen, Sensibilisierung der Gesellschaft und Nachhaltigkeit auf dem Campus werden in insgesamt 51 Fragen Punkte vergeben. Diese zeigen auf, wie gut die Themen Planetary Health und Nachhaltigkeit in die Ausbildung und die Ausbildungsstätte integriert sind. Unter anderem bietet die PHRC die Möglichkeit, detailliert zu sehen, wie spezifische Themen, zum Beispiel der Einfluss von Hitze auf die kardiovaskuläre Gesundheit, unterrichtet werden. Dabei wird auch auf die Diversität und die Qualität der Lehrangebote geachtet.

Was ergibt die Planetary Health Report Card für die Schweiz?

Seit die PHRC in der Schweiz erhoben wird, haben sich die beteiligten Institutionen im Mittel um etwa zehn Prozentpunkte verbessert. Dies ist eine sehr begrüssenswerte Entwicklung, gefördert durch den Wettbewerb, den die PHRC zwischen den Gesundheitsausbildungsstätten angekurbelt hat, die zunehmende Sensibilisierung und den bemerkenswerten Einsatz von Studierenden für mehr Planetary Health in der Lehre. Trotz dieser positiven Entwicklung liegt die Schweiz im internationalen Vergleich immer noch beinahe zehn Prozentpunkte unter dem Durchschnitt [13] – ist also keineswegs Spitzenreiterin!

Mit einem Gesamtresultat von 76 Prozent hat die medizinische Fakultät Lausanne auch dieses Jahr den ersten Platz geholt und gehört damit neben den medizinischen Fakultäten Genf und Basel zu den einzigen Ausbildungsstätten in der Schweiz, die es über den internationalen Durchschnitt geschafft haben. Besonders erfreulich ist der Fortschritt in der Kategorie Curriculum. Dort (insbesondere in Basel mit einem Resultat von über 90 Prozent) zeigt sich auch deutlich, dass sich Investitionen und die Schaffung von Stellenprozenten oder Arbeitsgruppen klar in den Resultaten niederschlagen [14]. Das PHRC-Switzerland-Team empfiehlt deshalb das Schaffen respektive den Erhalt von bezahlten Positionen zur Integration von Planetary Health und Nachhaltigkeit. Dies wird auch von PHUSE, einem von swissuniversities finanzierten Projekt, das sich als nationale Initiative für die Integration von Planetary Health in Gesundheitsausbildungen einsetzt, empfohlen [15].

Um zukünftiges Gesundheitspersonal adäquat auf die klimabedingten Herausforderungen vorzubereiten, ist der Erhalt von Projekten, die den Unterricht von Planetary-Health-Themen fördern, wie PHUSE, von grosser Wichtigkeit. Auch plädiert das PHRC-Team für eine stärkere longitudinale Integration der Themen in das Curriculum, denn bislang werden diese häufig in Stand-alone-Lectures besprochen, und es fehlt der klinische und praktische Bezug. Deshalb erhofft es sich in Zukunft auch eine vermehrte Integration in interaktive und klinische Formate, also in die Bereiche, in denen unser späteres Arbeitsleben stattfinden wird.

Zudem: Während sich auf der Ebene der Grundausbildung viel getan hat und am Tun ist, bleibt das Thema in der Weiterbildung bislang eher ein Randthema. Es besteht also eine dringende Notwendigkeit, das Thema Planetary Health und Nachhaltigkeit auch dort zu verankern.

Die gesundheitlichen Auswirkungen der Klimakrise sind längst angekommen; wie unser Gesundheitssystem damit umgeht und wie die Bevölkerung davor geschützt werden kann, ist die aktuelle Herausforderung für Fachkräfte, Politik und Gesellschaft.

Planetary Health Report Card

Die Planetary Health Report Card (PHRC) ist eine 2019 von Medizinstudierenden gegründete Initiative. Ziel ist es, das Bewusstsein für Planetary Health – also die Wechselwirkungen zwischen menschengemachten Umweltveränderungen und Gesundheit – an medizinischen Fakultäten zu stärken. Seit der Gründung ist die PHRC-Community auf 23 Länder und über 140 medizinische Fakultäten angewachsen. Interesse mitzuwirken? Melden Sie sich bei: switzerland@phreportcard.org

Literatur

  1. WHO: Heat and health. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/climate-change-heat-and-health (29.6.2026)
  2. Health for future: Hitze. https://healthforfuture.de/hitze/ (29.6.2026)
  3. Ebi KL et al. Hot weather and heat extremes: health risks. Lancet. 2021 Aug 21;398(10301):698–708. doi: 10.1016/S0140-6736(21)01208-3. PMID: 34419205.
  4. Ragettli MS, Luyten A, Röösli M: Monitoring hitzebedingte Todesfälle: Sommer 2024. Impact-Indikator «Hitzebedingte Todesfälle» 1980–2024. Juni 2025. Im Auftrag des BAFU und des BAG.
  5. Yin B et al. Effect of extreme high temperature on cognitive function at different time scales: A national difference-in-differences analysis. Ecotoxicol Environ Saf. 2024 Apr 15;275:116238. doi: 10.1016/j.ecoenv.2024.116238. Epub 2024 Mar 21. PMID: 38518609.
  6. The Lancet Countdown: Heat and Health. https://lancetcountdown.org/heat-and-health/ (2.7.2026)
  7. WHO: Climat change. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/climate-change-and-health (2.7.2026)
  8. Wondmagegn BY et al. What do we know about the healthcare costs of extreme heat exposure? A comprehensive literature review. Sci Total Environ. 2019 Mar 20;657:608–618. doi: 10.1016/j.scitotenv.2018.11.479. Epub 2018 Dec 4. PMID: 30677927.
  9. Klimakrise und Allergien. https://planetary-health-academy.de/wp-content/uploads/2025/08/Factsheet-BBNE-2-Allergien.pdf (29.6.2029)
  10. Heinz A, Brandt L. Climate change and mental health: direct, indirect, and intersectional effects. Lancet Reg Health Eur. 2024 Jun 14;43:100969. doi: 10.1016/j.lanepe.2024.100969. PMID: 39210948; PMCID: PMC11360162.
  11. Shaw E et al. AMEE Consensus Statement: Planetary health and education for sustainable healthcare. Med Teach. 2021 Mar;43(3):272–286. doi: 10.1080/0142159X.2020.1860207. Epub 2021 Feb 19. Erratum in: Med Teach. 2022 Nov;44(11):I. doi: 10.1080/0142159X.2021.1909298. PMID: 33602043.
  12. SMIFK – CIMS: Profiles 2023. https://smifk-cims.ch/profiles-2023 (2.7.2026)
  13. The 2026 Planetary Health Report Card International Summary Report. April 2026. Planetary Health Report Card. https://phreportcard.org/wp-content/uploads/2026/04/Planetary-Health-Report-Card-2026-International-Summary-Report-Version-2.pdf (2.7.2026)
  14. Planetary Health Report Card: Switzerland. https://phreportcard.org/switzerland/ (6.7.2026)
  15. Planetary Health Education: Letter of Recommendation. https://www.planetary-health-education.ch/application/files/9917/7185/2843/2025-12_PHUSE_Recommendations_for_Planetary_Health_Human_Resources.pdf (4.7.2026)