• Fokus: Risiko

Nur Leichtsinn? Wie das jugendliche Gehirn mit Risiko umgeht

Jugendliches Risikoverhalten wird oft vorschnell als Ausdruck mangelnder Reife verstanden. Die Entwicklungsneurowissenschaft zeigt jedoch: Jugendliche erkennen Risiken meist gut – sie bewerten sie nur anders.

Jugendliche können Risiken ähnlich gut einschätzen wie Erwachsene – sie gewichten sie jedoch anders. Bild: Adobe Stock/yanlev
Jugendliche können Risiken ähnlich gut einschätzen wie Erwachsene – sie gewichten sie jedoch anders. Bild: Adobe Stock/yanlev

Jugendliches Risikoverhalten wird häufig als Ausdruck mangelnder Reife oder unzureichender Kontrolle interpretiert. Neurowissenschaftliche Befunde zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild: Das jugendliche Gehirn ist kein «unfertiges» Gehirn, sondern ein hochdynamisches System in einer Phase intensiver Umstrukturierung – mit besonderen Chancen, aber auch erhöhter Verletzlichkeit.

Das Gehirn im Umbau: Emotion vor Kontrolle

Während der Jugendzeit ist das Grössenwachstum des Gehirns nur noch gering. Stattdessen werden bestehende Netzwerke neu organisiert und fein abgestimmt. Häufig genutzte synaptische Verbindungen werden stabiler und effizienter, andere werden zurückgebaut. Gleichzeitig nimmt die Myelinisierung zu, wodurch die Kommunikation zwischen Hirnregionen schneller und zuverlässiger wird. Entscheidend ist dabei ein zeitliches Ungleichgewicht: Emotionale und belohnungssensitive Systeme, etwa limbische Strukturen, reifen früher als präfrontale Areale, die für Planung, Impulskontrolle und Emotionsregulation zuständig sind.

Risiken erkennen – aber anders bewerten

Dieses Ungleichgewicht wird häufig mit erhöhter Risikobereitschaft in Verbindung gebracht. Wichtig ist jedoch: Jugendliche erkennen Risiken meist ebenso gut wie Erwachsene. Studien zeigen, dass sich der Unterschied weniger in der Wahrnehmung als in der Gewichtung von Risiken zeigt, insbesondere in sozialen Kontexten. Die Angst vor sozialer Zurückweisung oder der Wunsch nach Zugehörigkeit kann subjektiv schwerer wiegen als körperliche Gefahren oder mögliche Sanktionen. Risikoverhalten ist damit häufig sozial motiviert und kontextabhängig.

Jugendliche handeln selten «blind». Eine Studie von Knoll und Kollegen [1] zeigte zum Beispiel, dass Jugendliche Risiken ähnlich gut einschätzen können wie Erwachsene. In dem Experiment bewerteten Teilnehmende zunächst die Gefährlichkeit alltäglicher Situationen und sahen anschliessend, wie andere Personen dieselben Situationen einschätzten. Danach passten viele ihre Bewertungen an die Einschätzungen der anderen an. Besonders junge Jugendliche orientierten sich dabei stärker an den Urteilen anderer Teenager als an denen von Erwachsenen.

Diese Befunde werden so interpretiert, dass der Unterschied nicht im Wissen über Gefahren liegt, sondern vielmehr darin, wie Risiken im sozialen Kontext gewichtet werden, insbesondere dann, wenn soziale Anerkennung oder Zugehörigkeit eine Rolle spielen. Ein typisches Beispiel wäre eine Mutprobe im Freundeskreis: Die möglichen sozialen Vorteile, Anerkennung oder Zugehörigkeit, können subjektiv schwerer wiegen als die objektiven Risiken.

Gerade diese Sensibilität für soziale Rückmeldungen ist Ausdruck der hohen Plastizität des jugendlichen Gehirns. Jugendliche reagieren besonders stark auf Belohnung, Emotionen und soziale Signale. Mit «Belohnung» sind in diesem Kontext soziale Belohnungen gemeint, etwa Anerkennung, Status oder Zugehörigkeit innerhalb einer Gruppe. Motivation entsteht in dieser Phase oft intrinsisch und über Beziehungen, weniger durch äussere Anreize wie Noten, Strafen oder materielle Belohnungen. Dies erklärt, warum rein kontrollierende oder strafende Erziehungs- und Interventionsansätze oft wenig wirksam sind.

Das Gehirn als Vorhersagemaschine

Entwicklungsneurowissenschaftlich entscheidend dafür, wie wahrscheinlich sich Jugendliche Risiken aussetzen, ist der Kontext, in dem sie Herausforderungen erleben. Das Gehirn funktioniert wie eine Vorhersagemaschine: Frühere Erfahrungen prägen Erwartungen darüber, wie verlässlich die Umwelt ist und wie mit Fehlern oder Belastungen umgegangen wird. Wer Sicherheit, Konsistenz und stabile Beziehungen erlebt hat, kann auch schwierige Situationen eher als bewältigbar interpretieren. Fehlen solche Erfahrungen, steigt die Wahrscheinlichkeit für misstrauische oder impulsive Reaktionen.

Beispiel: Zwei Jugendliche erleben dieselbe Situation. Jemand rempelt sie in der Mensa an und das Tablett fällt herunter. Wer gelernt hat, dass andere meist wohlwollend handeln, interpretiert das vielleicht als Missgeschick. Wer dagegen häufig Ablehnung erlebt hat, reagiert eher mit Misstrauen oder Wut.

Risikoverhalten bei Jugendlichen ist daher selten das Ergebnis einzelner Ereignisse. Ausschlaggebend ist vielmehr das Zusammenspiel aus Belastung, Beziehungssicherheit und Umweltstruktur. Das jugendliche Gehirn ist erstaunlich belastbar und kann mit negativen Erfahrungen umgehen, sofern ausreichend Schutzfaktoren vorhanden sind. Chronischer Stress, soziale Isolation oder dauerhafte Abwertung erhöhen hingegen das Risiko für problematische Entwicklungsverläufe.

Selbstwirksamkeit statt vollständiger Abschirmung

Für Praxis und Prävention bedeutet das: Warum Jugendliche Risiken eingehen, obwohl sie die Gefahren kennen, lässt sich weniger als Kontrollverlust verstehen, sondern als Ausdruck einer hochdynamischen Entwicklungsphase. Aus entwicklungspsychologischer Sicht gehört es sogar zur Jugend, Neues auszuprobieren und Grenzen zu testen. Solche Erfahrungen helfen, Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Identität zu entwickeln – vorausgesetzt, sie finden in einem unterstützenden Umfeld statt.

Jugendliche brauchen keine vollständige Abschirmung vor Herausforderungen und Risiken, sondern angemessene und an ihre Entwicklung angepasste Unterstützung, damit sie lernen können, Herausforderungen in einem verlässlichen Rahmen selbst zu bewältigen. Ein Beispiel dafür ist der erste Ausgang am Abend: Statt ihn vollständig zu verbieten, kann es hilfreicher sein, gemeinsam Regeln zu vereinbaren – etwa zur Uhrzeit oder zur Erreichbarkeit. Autonomie, echte Beteiligung und stabile Beziehungen fördern Selbstwirksamkeit und unterstützen die Entwicklung jener Kontroll- und Regulationsmechanismen, die langfristig verantwortungsvolles Handeln ermöglichen. Wer diese neurobiologischen Zusammenhänge berücksichtigt, kann Prävention und Begleitung von Jugendlichen wirksamer gestalten.

Literatur

  1. Knoll LJ et al. Social influence on risk perception during adolescence. Psychol Sci. 2015 May;26(5):583–92. doi: 10.1177/0956797615569578. Epub 2015 Mar 25. PMID: 25810453; PMCID: PMC4426139.