- Auf den Punkt gebracht
Nein zur 10-Millionen-Initiative der SVP – für eine starke Schweizer Gesundheitsversorgung
Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz (Nachhaltigkeitsinitiative)» ab. Der vsao empfiehlt ein klares Nein. Bei einer Annahme ist ein verstärkter Fachkräftemangel im Gesundheitswesen zu befürchten, der sich negativ auf die Arbeitsbedingungen der Schweizer Ärzteschaft auswirken würde.
23.04.2026
Dichtestress im Zug? Schwierige Wohnungssuche? Keine freien Termine bei der Hausärztin? Stau auf den Strassen? Ja, möglicherweise nehmen diese Symptome in der Schweiz tatsächlich zu. Kein Wunder, die Schweiz wächst – jährlich um ca. ein Prozent. Vor 20 Jahren lag die ständige Wohnbevölkerung noch bei 7,5 Millionen Personen, Ende 2024 wurde erstmals die 9-Millionen-Grenze geknackt. Da die Geburtenrate seit Langem tief ist, findet das Wachstum vor allem über Zuwanderung statt. Ein gutes Zeichen: Die Wirtschaft wächst und benötigt Arbeitskräfte, die sie auch im Ausland sucht und findet. Die oben genannten Symptome führen aber zur Befürchtung, dass dieses Wachstum für das Land nicht zu verkraften ist.
Als Reaktion auf dieses Unbehagen hat die Schweizerische Volkspartei (SVP) die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)» eingereicht, über die die Schweizer Stimmbevölkerung am 14. Juni abstimmt. Bei einer Annahme müsste der Bund Massnahmen ergreifen, wenn die ständige Wohnbevölkerung vor dem Jahr 2050 die Zahl von 9,5 Millionen Menschen überschreitet. Sollte vor 2050 gar die 10-Millionen-Grenze überschritten werden, müsste gemäss Initiativtext allenfalls das Abkommen über die Personenfreizügigkeit mit der EU gekündigt werden.
Klare Argumente für ein Nein
Der Geschäftsausschuss des vsao hat die Initiative diskutiert und empfiehlt sie zur Ablehnung. Warum?
- Heute haben 40 Prozent der in der Schweiz tätigen Ärztinnen und Ärzte ihre Ausbildung im Ausland absolviert. In Grenzkantonen ist der Anteil der ausländischen Diplome beim Gesundheitspersonal teilweise noch wesentlich höher. 50 Prozent des Pflegepersonals in den Spitälern der Genferseeregion und fast 70 Prozent der in Tessiner Spitälern tätigen Ärztinnen und Ärzte haben ihren Abschluss im Ausland erworben.
- Trotz intensiver Investitionen in die Aus- und Weiterbildung in der Schweiz bleibt das Gesundheitswesen strukturell auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Eine starre Deckelung der Zuwanderung verstärkt den Fachkräftemangel.
- Ein verstärkter Fachkräftemangel erhöht den Druck auf das verbleibende Personal. Die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich, was zu einem Teufelskreis führen kann.
- Im Ausland ausgebildete Ärztinnen und Ärzte spielen nicht zuletzt auch in der Aus- und Weiterbildung des hiesigen medizinischen Nachwuchses eine wichtige Rolle.
Die Initiative gefährdet damit die qualitativ hochstehende Gesundheitsversorgung in der Schweiz und ist deshalb abzulehnen. Die eingangs erwähnten Symptome oder Wachstumsschmerzen können und müssen mit anderen Massnahmen bekämpft werden. Gegen Wohnungsnot und Stau auf Verkehrsachsen gibt es wahrlich andere und bessere Rezepte, als die Zuwanderung einzuschränken.