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Nati-Teamarzt: «Nur wer gesund ist, kann Leistung abrufen»
Im Spitzensport entscheidet oft ein schmaler Grat über Einsatz oder Ausfall. Philippe Tscholl, Teamarzt der Schweizer Fussballnationalmannschaft, erklärt, wie medizinische Daten, Erfahrung und Kommunikation zusammenspielen und welche Verletzungen er am meisten fürchtet.
09.06.2026
Philippe Tscholl, was braucht es, um Teamarzt der Schweizer Fussballnationalmannschaft zu werden?
Ein bisschen Glück ist auf diesem Weg immer dabei. Wenn eine der beiden Teamarzt-Stellen frei wird, gibt es eine öffentliche Ausschreibung. Voraussetzung, um überhaupt eine Chance zu haben, sind der «interdisziplinäre Schwerpunkt für Sport- und Bewegungsmedizin SEMS» und – da unsere Arbeit auch manchmal mediatorische Aspekte umfasst – Erfahrung beim Betreuen von Teams.
Und dann hängt auch vieles vom bestehenden Umfeld ab. Als wir vor knapp zwei Jahren Damien Casagrande zum neuen Teamarzt wählten, war es wichtig, dass wir beide komplementär sind – zwei Orthopäden würden wenig Sinn machen. Gleichzeitig müssen wir ähnlich ticken, was unser Verständnis der Medizin betrifft. Es braucht eine Unité de doctrine, um den Spielern eine gewisse Konsistenz zu bieten. Und nicht zuletzt ist entscheidend, dass man sich auch menschlich gut versteht – nur so sind gute Kommunikation, Vertrauen und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe möglich.
Spitzensport ist eine Gratwanderung zwischen maximaler Leistung und Überlastung. Was tun Sie, um Verletzungen vorzubeugen?
Zum einen verfügen wir über objektive Daten wie GPS-Werte, die die Leistung auf dem Feld abbilden, sowie medizinische Parameter, beispielsweise aus Speichelproben, mit denen wir Cortisol, die Osmolalität und Immunglobulin A messen. Ein tiefer Wert erhöht das Erkältungsrisiko, ein hoher Wert könnte ein Hinweis auf muskulären Stress sein – wobei die Werte starke interindividuelle Unterschiede aufzeigen.
Zum anderen stützen wir uns auf subjektive Daten, etwa aus Spielerbefragungen und den Beobachtungen des medizinischen Stabs. Hinzu kommt, dass wir die Spieler und ihre Schwachstellen – beispielsweise aus Vorverletzungen – gut kennen. Die Kombination dieser Informationen hilft uns, zu erkennen, wenn ein Spieler müde ist und vielleicht ein etwas angepasstes Training braucht. Eine exakte Wissenschaft ist es allerdings nicht: Die Evidenz bei der Aussagekraft einzelner Parameter ist teilweise noch recht begrenzt, und vieles basiert auf Erfahrungswerten.
Wie gehen Sie damit um, wenn ein Spieler mehr trainieren oder spielen möchte, als es sein Körper erlaubt?
Da gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Situationen: Geht es um die Prävention, können wir einem Spieler nicht verbieten, aufs Feld zu gehen. Aber wir können das Gespräch suchen, Risiken aufzeigen und mit ihm und dem technischen Staff einen Kompromiss finden, etwa dass ein Teileinsatz sinnvoller wäre. Anders ist die Lage bei einer Verletzung. Ist ein Spieler aus medizinischer Sicht noch nicht einsatzfähig, wäre es fahrlässig, ihn aufs Feld zu lassen – da vertreten wir ganz klar unsere Position. Daneben gibt es auch einen Graubereich; wenn ein Einsatz aus medizinischer Sicht möglich wäre, aber die Leistung noch nicht da ist. In solchen Fällen braucht es wiederum gute Kommunikation und offene Gespräche mit allen Beteiligten.
In der Regel spüren die Spieler auch selbst, wie weit sie sind, und sie wissen: Wenn sie zu früh wieder einsteigen, fallen sie unter Umständen noch viel länger aus. Es gibt nur ganz wenige Spieler, die auf dem Feld einen Unterschied machen können, auch wenn sie nicht voll leistungsfähig sind. Deshalb lautet unser Credo: Nur wer gesund ist, kann Leistung abrufen. Dass auch der Trainer Murat Yakin diese Ansicht teilt, erleichtert unsere Arbeit enorm.
Vor welchen Verletzungen haben Sie am meisten Respekt?
Vor Notfällen. Zum Glück sehen wir diese ganz selten. Aber wenn jemand auf dem Spielfeld zusammenbricht oder nach einem Zusammenstoss eine Mittelgesichtsfraktur erleidet, kann dies schon beängstigend sein, denn unsere Möglichkeiten auf dem Platz sind begrenzt. Ein ganz anderes Thema ist ein Kreuzbandriss: Aus ärztlicher Sicht ist dieser Moment nicht kritisch, aber die Verletzung ist für den betroffenen Spieler und das Team sehr einschneidend. Und Muskelverletzungen sind schwierig im Alltag, weil manche Spieler Angst haben, sich wieder zu verletzen – vor allem, wenn es nicht das erste Mal war. Zwar stehen uns dank Ultraschall, MRI und klinischer Untersuchungen zahlreiche Daten zur Verfügung. Aber wann genau können wir grünes Licht geben? Das sind schwierige Entscheidungen, die uns die Bildgebung nicht abnehmen kann. Eine weitere Knacknuss ist das Einschätzen der Verletzungsdauer.
Für einen Spieler kann diese Einschätzung entscheidend sein, ob er an ein Turnier mitdarf oder nach Hause geschickt wird.
Genau. Eigentlich müssten wir die Situation täglich reevaluieren, aber irgendwann braucht der Trainer eine konkrete Angabe. Geben wir dann eher etwas mehr Zeit an, mit der Gefahr, dass der Spieler nach Hause geschickt wird? Oder nennen wir eine kürzere Dauer mit dem Risiko, dass die Verletzung nicht so schnell heilt und dies auf uns als Teamärzte zurückfällt? In solchen Momenten dem Trainer, dem Team und dem Spieler gerecht zu werden, ist nicht einfach.
Setzen Sie auch bestimmte Mittel ein, um Spieler schneller wieder fit zu bekommen?
Natürlich versuchen wir, die Therapie und die Rahmenbedingungen wie Schlaf und Ernährung zu optimieren. Es kommt auch vor, dass wir den Rehabilitationsplan etwas straffen, um schneller Fortschritte zu erzielen. Weiter gehen wir jedoch nicht: Wir verfolgen möglichst eine No-Needle-Policy, und es ist noch nie vorgekommen, dass ein Spieler etwas Illegales von mir verlangt hätte. Manche Spieler sind Eigenblut- oder Rotlichttherapien von ihren Clubs her gewohnt. Wenn ein Athlet darauf besteht, besprechen wir dies mit ihm und wägen das Dafür und das Dagegen ab. Aber wir selbst führen diese Behandlungen vor Ort in der Regel nicht durch.
In einem Jahr mit einem grossen Turnier sind Sie etwa 60 Tage für die Nati unterwegs, ansonsten 25 bis 30 Tage. Wie können Sie dieses Engagement mit Ihrer Tätigkeit am HUG und Ihrem Privatleben vereinbaren?
Von meinem Arbeitgeber erhalte ich zehn Tage pro Jahr im Rahmen unseres von Swiss Olympic und vom IOC akkreditierten Sportzentrums frei, den Rest beziehe ich als Ferien. Für die Endrunden nehme ich unbezahlten Urlaub. Wir haben ein eingespieltes Team, das mich sehr gut vertritt.
Für das Privatleben ist das Begleiten von Sportmannschaften nie einfach. Denn Sportveranstaltungen finden am Wochenende oder am Abend statt – also in der freien Zeit. Ich bin meiner Ehefrau, die selbst Ärztin mit einer eigenen Praxis ist, sehr dankbar, dass sie mir dies ermöglicht.
Aufwärmen ist die beste Prävention
Hobbyfussballerinnen und -fussballer haben zwar nicht dieselben Möglichkeiten wie die Profis, aber auch sie können einiges tun, um Verletzungen vorzubeugen. Das Wichtigste sei das Aufwärmen, sagt Philippe Tscholl, Nati-Teamarzt und Mitgründer des Vereins «Prevention for All», der unter anderem Videos aller Junioren-Altersklassen mit geeigneten Aufwärmprogrammen zur Verfügung stellt.
Weitere Videos finden Sie unter:
https://www.youtube.com/@PreventionForAll
Zur Person
Philippe Tscholl ist Leitender Arzt für Kniechirurgie und Sporttraumatologie und Direktor des Zentrums für Muskuloskelettale Medizin und Sport am Universitätsspital Genf (HUG). Sein erster Vorgesetzter als junger Assistenzarzt war der damalige Teamarzt der Schweizer Männer-Nationalmannschaft im Fussball, Professor Roland Biedert – ein Vorbild, das ihm vieles vorgelebt und sicherlich auch die Bahn geebnet hat. Nach der Betreuung mehrerer lokaler Teams, der Junioren-Nationalmannschaft im Eishockey sowie der Futsal-Nationalmannschaft und über zehn Jahren als freischaffender Mitarbeiter der ehemaligen FIFA-Kommission für Medizin, Prävention und Forschung (F-MARC) wurde Philippe Tscholl 2022 zum Teamarzt der Schweizer Nati gewählt.