- Fokus: Moment
Momentaufnahmen im Ausnahmezustand
Wenn ein Sternenkind geboren wird oder ein Elternteil schwer krank ist, stehen oft andere Dinge im Vordergrund als Familienfotos. Doch gerade Bilder von diesen prägenden Momenten können zu wichtigen Erinnerungen werden.
11.08.2026
Wer ein Fotoshooting macht, freut sich normalerweise darauf, die fertigen Bilder möglichst bald zu sehen. Bei manchen Aufnahmen von Sandra Gygax vergehen hingegen Monate, ohne dass sie betrachtet werden. Zu schmerzhaft sind in diesen Fällen die Erinnerungen. Denn Sandra Gygax arbeitet für Herzensbilder; einen Verein, der professionelle Familienfotografien schenkt, wo ein Baby viel zu früh oder still geboren wurde oder wo ein Kind oder ein Elternteil schwer krank ist.
Ein Bild mit besonderem Wert
Entstanden ist der Verein Herzensbilder 2012 aus der Erfahrung von Kerstin Birkeland. Erst nach dem Verlust ihres schwer kranken Sohnes realisierte sie, dass keine schönen Familienfotos existierten, und beschloss, fortan Familien in ähnlichen Situationen kostenlose professionelle Fotos zu ermöglichen.
Ein solches Bild habe einen besonderen Wert, ist auch Sandra Gygax überzeugt. «Eine Fotografie ist eine greifbare Erinnerung», sagt sie. Gerade bei der Geburt von Sternenkindern sei die Zeit mit dem Kind kurz, und die Eltern befänden sich in einem absoluten Ausnahmezustand. «Was davon wirklich in Erinnerung bleibt, ist nicht klar. Fotos halten fest, wie die Händchen und Füsschen des Kindes ausgesehen haben, seine Ohren oder der Ausdruck auf dem Gesichtchen. Und das kann helfen, eine Beziehung zu diesem Kind aufzubauen.»
Neben der Erinnerung ans Aussehen ermöglichen Fotos auch das Wiederaufleben von Gefühlen – neben der Trauer auch die Liebe zum Kind oder zum Elternteil. Diese Liebe, die Sandra Gygax bei ihren Einsätzen spürt, ist auch einer der Faktoren, die sie ab ihrem ersten Einsatz gepackt und nie mehr losgelassen haben. «Bei meinen Einsätzen gerate ich in unglaublich traurige Situationen – egal, ob ein Baby still geboren, ein Kind unheilbar krank oder ein Elternteil in einer palliativen Situation ist. Und gleichzeitig sind es oft auch sehr schöne Momente, weil spürbar ist, wie viel Liebe da ist und wie stark die Personen sind.»
Berührende Begegnungen
So etwa, als sie einen Teenager, der vor seiner zweiten Chemotherapie stand, mit seiner Familie fotografierte. «Die Sonne schien, und wir waren am See; die Familie hat viel gelacht, und ich habe teilweise völlig vergessen, dass der Junge schwer krank ist.» Schön fand sie es auch, als sie zwei Jahre nach der Fotografie eines Sternenkindes von den Eltern kontaktiert wurde, um Babyfotos zu machen – diesmal von einem gesunden Kind.
Sie hat aber auch schon schwierige Situationen erlebt. So etwa, als sie zu einem schwer kranken Kind gerufen wurde und die Eltern dann doch nicht mit aufs Bild wollten. «Ich hatte das Gefühl, dass die Eltern in diesem Moment nicht wahrhaben wollten, dass es vielleicht die letzte Gelegenheit für solche Bilder sein könnte. Sie sagten mir, sie würden Fotos machen lassen, wenn es dem Kind wieder besser gehe.» Trotz der Überraschung habe sie den Entscheid der Eltern respektiert und sich auf Bilder mit den Geschwistern konzentriert. Kurze Zeit später starb das Kind.
Sprachlos zu sein, ist okay
Obwohl Sandra Gygax seit 2022 regelmässig für Herzensbilder fotografiert, ist sie vor jedem Einsatz nervös. Kaum verwunderlich, denn wie begegnet man einer Familie, die gerade etwas vom Schlimmsten, das man sich vorstellen kann, durchmacht? Vor ihrem ersten Einsatz habe sie ein ebenso umfang- wie hilfreiches Handbuch erhalten mit vielen Hinweisen zum Verhalten in solchen Situationen. Einer davon sei das Verlangsamen: «Viele Familien stehen in diesen Situationen unter grossem Stress, gleichzeitig sind diese Momente sehr kostbar. Deshalb versuche ich oft, auf die Bremse zu treten und Ruhe in die Situation zu bringen.»
Ein weiteres wichtiges Stichwort ist Authentizität. «Vor der Tür lege ich mir jeweils ein, zwei Sätze zurecht», sagt Sandra Gygax. Nicht immer spricht sie diese auch aus. «Manchmal verschlägt es mir die Stimme, und manchmal finde ich doch nicht die richtigen Worte – und das ist normal. Dann ist es besser, mein Beileid über Mimik und Gestik auszudrücken oder offen zu kommunizieren, dass ich nicht weiss, was ich sagen soll, als auf irgendwelche Floskeln zurückzugreifen.»
Um sich nicht zu sehr von der Trauer mitreissen zu lassen, konzentriert sich Sandra Gygax primär auf die Fotos, auf technische Einstellungen, Blickwinkel und Ausschnitte. «Ich bin ja da, um den Moment festzuhalten, Fotos zu machen und die Familie in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn ich weinen würde, ginge es um mich. Das will ich nicht.»
Belastung und Dankbarkeit
Tränen vergiesst Sandra Gygax dennoch, aber erst nach den Einsätzen, wenn sie wieder allein ist. Auch schläft sie nach ihren Einsätzen oft schlechter. Deshalb meldet sie sich in der Regel höchstens zweimal im Monat auf die Aufrufe. Grundsätzlich könne sie aber gut mit den belastenden Situationen umgehen, sagt sie. Auch damit, dass sie oft nicht weiss, wie es der Familie, dem kranken Kind oder Elternteil geht und wie sich die Situation entwickelt. «Oft höre ich nichts mehr, manchmal erhalte ich eine Karte. Dies freut mich besonders, weil ich dann sehe, dass die Familie die Kraft hat, etwas zu tun.» Trotz der emotionalen Belastung will sie ihr Engagement für Herzensbilder weiterführen. «Denn so kann ich den trauernden Familien eine kleine Freude bereiten, und mich selbst machen diese Einsätze demütig und dankbar für das, was ich habe.»
Mehr Informationen: www.herzensbilder.ch
Einsätze von Sandra Gygax: www.herzensbilder.ch/de/fotografen-stylisten/?st=500