• Fokus: Risiko

«Lieber Chatbot …» – wie KI unsere Konfliktfähigkeit auf die Probe stellt

Verliebtheit, Beziehungskrisen, intime Gedanken: Immer mehr Menschen sprechen mit Chatbots über persönliche Fragen und Sorgen. Was macht das mit uns? Marisa Tschopp forscht zu Beziehungen zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz und spricht im Interview über Chancen und Risiken dieser Entwicklung.

Ein persönlicher Austausch mit KI kann zur Selbstreflexion anregen, jedoch auch schädliche Verhaltensweisen fördern. Bild: Yutong Liu und Kingston School of Art / https://betterimagesofai.org / https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Ein persönlicher Austausch mit KI kann zur Selbstreflexion anregen, jedoch auch schädliche Verhaltensweisen fördern. Bild: Yutong Liu und Kingston School of Art / https://betterimagesofai.org / https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

Marisa Tschopp, wie häufig werden Chatbots als Ratgeber bei emotionalen Fragen genutzt?

Das ist sehr schwierig zu sagen. OpenAI hat kürzlich Zahlen herausgegeben, wonach etwa zwei Prozent der Nutzerinnen und Nutzer ChatGPT für persönliche, emotionale Zwecke brauchen. Je nach Studie sind es auch zehn bis zwölf Prozent. Dies mag nach wenig klingen. Aber da allein ChatGPT wöchentlich fast 900 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer hat, ist selbst bei der geringsten Schätzung die absolute Zahl dieser Menschen sehr hoch – Tendenz steigend.

Warum nimmt die Nutzung von Chatbots als Berater in emotionalen Fragen zu?

Das hat sicher auch mit der aktuellen Weltlage zu tun. Wir stecken zurzeit in einer mentalen Gesundheitskrise. Und was tun Menschen, wenn sie vor einem Problem stehen? Sie greifen auf bekannte Strategien zurück. Viele nutzen im Alltag oder bei der Arbeit Chatbots. Da ist es natürlich naheliegend, dass sie auch bei persönlichen Herausforderungen KI um Rat fragen. Denn dieses Angebot ist sehr greifbar, niederschwellig und ständig verfügbar.

Das klingt eigentlich verlockend.

Ja, und ich möchte es auch nicht verteufeln, wenn jemand den Sparringpartner-Modus aus der Arbeit in den sozialen Kontext überträgt. Wie Selbsthilfebücher haben auch Chatbots das Potenzial, die Selbstreflexion anzuregen und bei der Verarbeitung mancher Erlebnisse zu helfen. Chatbots wären dann quasi vergleichbar mit einem interaktiven Tagebuch. Diese Grundidee, dass wir ein neues Medium haben, in dem Menschen ihre Probleme besprechen und verarbeiten können, ist an sich super.

Wenn es da nicht auch einige Risiken gäbe.

Genau, und diese Risiken sind nicht zu unterschätzen. Im Gegensatz zum analogen Tagebuch gelangen die Daten, die wir bei Chatbots eingeben, in eine virtuelle Welt, die nicht sicher ist, und werden oft in irgendeiner Form weiterverarbeitet, um die KI der Hersteller zu verbessern. Der mangelhafte Datenschutz ist hochproblematisch und kann an manchen Orten auch gefährlich werden; beispielsweise, wenn eine homosexuelle Person in einem Land, in dem Homosexualität verboten ist, ihre Sorgen mit einem Chatbot teilt. Doch auch hier in der Schweiz sollten wir uns immer sehr genau überlegen, welche Informationen wir preisgeben. Ein weiteres Problem ist, dass wir die Interaktivität nicht steuern können und nie genau wissen, was zurückkommt. Selbst wenn ein Grossteil der Antworten vernünftig sein mag, gibt es auch immer einen Anteil an Halluzinationen und unvernünftigen Antworten, die aber vernünftig klingen – und dieses Problem werden wir nicht lösen können.

Fehlender Datenschutz und unzuverlässige Antworten sind das eine. Doch was macht die Art der Kommunikation und die ständige Verfügbarkeit von Chatbots mit uns?

Auf den ersten Blick ist es natürlich schön, wenn mein virtueller Gesprächspartner stets auf mich eingeht und mich immer unterstützt und bestätigt. Doch diese sogenannte Sycophancy birgt auch Risiken. KI-Modelle sind nicht darauf trainiert, auch mal zu widersprechen oder Grenzen aufzuzeigen, wie dies Freundinnen, Partner oder gegebenenfalls Fachpersonen in der Regel tun. Bei pathologischen Zuständen wie Depressionen, Angst- oder Essstörungen und Ähnlichem ist dies hochproblematisch und gefährlich, wenn KI gewisse Verhaltensweisen sogar noch unterstützt. Aber auch bei alltäglichen Problemen wie einem Streit oder einer Trennung ist es nicht unbedingt hilfreich, immer bestätigt zu werden. Dies kann auch dazu führen, dass sich jemand zu sehr auf die eigene Position versteift und sich im Kreis dreht.

Inwiefern kann sich ein solcher Austausch mit einem Chatbot auf zwischenmenschliche Beziehungen auswirken?

Dies ist zurzeit eines der grossen Forschungsthemen, die Datenlage dazu ist jedoch noch relativ dünn. Die Vermutung liegt nahe, dass wir mit KI nicht nur etwas denkfaul, sondern auch beziehungsfaul werden. Man gewöhnt sich an geringe Widerstände und könnte zu einem gewissen Mass die Konfliktfähigkeit verlieren.

Könnten Sie dies etwas näher ausführen?

Eine starke Beziehung baut darauf auf, dass wir gemeinsam Meinungsverschiedenheiten und Konflikte angehen und diese ausdiskutieren und durcharbeiten. Gewöhnen wir uns an die Reibungslosigkeit und die geringen Widerstände, verlieren wir im schlimmsten Fall diese Kompetenz, die essenziell ist für Beziehungen – egal, ob im Privat- oder im Arbeitsleben. Denn im Arbeitsleben ist es genauso wichtig, dass wir Differenzen konstruktiv angehen können, geschweige denn in der Politik. Diese Systeme sind also nicht nur ein Stresstest für unsere Denkfähigkeit und unser Arbeitsleben, sondern auch für unser Miteinander. Das heisst, wir müssen nicht nur unsere KI-Kompetenzen aufbauen, sondern auch aktiv an unseren Beziehungskompetenzen arbeiten. Der konstruktive Umgang mit Konflikten ist zentral für starke Beziehungen, und starke Beziehungen sind wiederum zentral für mentales Wohlbefinden.

KI ist kaum mehr aus dem Alltag wegzudenken. Wie sähe denn ein verantwortungsvoller Umgang damit aus?

Wenn ich mit einem solchen System arbeite, sollte ich mir stets drei Fragen stellen: Was kann das Ding? Wie funktioniert es? Und was will es von mir? Das ist die Basis, um eine informierte Entscheidung darüber zu treffen, ob ich ein System nutzen will, wie ich es nutze oder ob ich auch mal Widerstand leisten will. Mir ist es wichtig, dass ich nicht mit erhobenem Zeigefinger herumlaufe – obwohl es in der Tat genügend Gründe gäbe, auf KI zu verzichten, z. B. Umweltbedenken. Es gibt verschiedenste Gründe, die für oder gegen eine Nutzung dieser Systeme sprechen, und man kann die Entscheidung so oder so treffen – aber es sollte zuallererst eine bewusste und informierte Entscheidung sein. Und diese Entscheidung muss keineswegs endgültig sein, sondern kann, soll und darf stets hinterfragt und verändert werden.

Zur Person

Dr. Marisa Tschopp erforscht beim Cybersecurity-Unternehmen scip AG sowie an der Universität Freiburg KI aus einer psychologischen Perspektive. Ihr Fokus liegt dabei auf Beziehungen zwischen Mensch und KI sowie ethischen Implikationen. Bei Texten, die ihr am Herzen liegen, verzichtet sie bewusst auf die Unterstützung durch KI, um ihre persönliche Handschrift nicht zu verfälschen.