• Studie zum Fokus

Kopfschutz funktioniert auf dem Spielfeld nicht wie im Labor

Die Vorstellung, dass ein gepolstertes Stirnband jugendliche Fussballspielende vor einer Gehirnerschütterung schützen müsste, ist intuitiv naheliegend. Doch der Schutz ist nicht so gross, wie observationelle Studien nahelegen.

Reduziert ein Kopfschutz die Häufigkeit und den Schweregrad von Gehirnerschütterungen? Eine Studie gibt Antworten. Bild: Generiert mit ChatGPT
Reduziert ein Kopfschutz die Häufigkeit und den Schweregrad von Gehirnerschütterungen? Eine Studie gibt Antworten. Bild: Generiert mit ChatGPT

Werden unsere FC-Juniorinnen und -Junioren schon bald mit einem Kopfschutz auf dem Rasen stehen? Wohl eher nicht. Dies zumindest legt die erste grosse cluster-randomisierte kontrollierte Studie von McGuine und Kollegen nahe, die untersuchte, ob ein Kopfschutz die Inzidenz oder den Schweregrad sportbedingter Gehirnerschütterungen bei Highschool-Fussballspielenden reduziert [1].

Über die Saisons 2016–2017 und 2017–2018 nahmen 2766 Jugendliche (67 Prozent weiblich, Durchschnittsalter 15,6 ± 1,2 Jahre) aus 88 Schulen in den USA und nach Schule randomisiert an der Studie teil. Dabei gab es eine Kopfschutz- (HG: Headgear) und eine Nicht-Kopfschutz-Gruppe (NoHG). Insgesamt wurden 151 157 sportliche Expositionen (34 Prozent davon kompetitive Spiele) erfasst. Die Jugendlichen in der HG-Gruppe konnten das Modell des Kopfschutzes selbst wählen, solange es von der Nationalen Föderation der State High Schools Associations zugelassen war. Insgesamt waren in der Studie fünf verschiedene Modelle vertreten.

Eine Time-to-Event-Analyse mittels Cox-Proportional-Hazards-Modell wurde als primärer Endpunkt der Studie gewählt. Als sekundäre Analyse wurde unter anderem die Dauer des Ausfalls nach Commotio (als Proxy für den Schweregrad der Verletzung) verglichen. Die Studienteilnehmenden hielten sich in 99,6 Prozent an die Gruppenzuteilung, was den Ergebnissen eine beachtliche interne Validität verleiht.

Eindeutiges Negativresultat

Anders als intuitiv zu erwarten wäre, bewirkte der Kopfschutz keine statistisch signifikante Reduktion der Commotio-Inzidenz. In der Intention-to-Treat-Analyse waren die Raten nahezu identisch: 4,4 Prozent (n=68) in der HG-Gruppe gegenüber 4,1 Prozent (n=62) in der NoHG-Gruppe (HR 0,98; 95%-KI 0,64–1,51; p=0,935).
Auch beim Schweregrad der Gehirnerschütterung zeigte sich kein relevanter Unterschied: Die mediane Ausfalldauer betrug 13,5 Tage (HG) gegenüber 13,0 Tagen (NoHG) (p=0,583).

Bemerkenswert ist, dass die Rate der Gehirnerschütterungen bei Fussballerinnen doppelt so hoch war wie bei den männlichen Spielern. Eine Subgruppenanalyse bei weiblichen Teilnehmenden zeigte zwar einen nicht signifikanten Trend zugunsten der Wirksamkeit des Kopfschutzes, war jedoch für eindeutige Schlussfolgerungen nicht ausreichend gepowert.

Studie zum Fokus

In der Serie «Studie zum Fokus» stellen wir pro Ausgabe eine zum Schwerpunktthema passende Studie vor. Dabei greifen wir Randthemen, ungewöhnliche Fragestellungen oder überraschende Ergebnisse auf, die Denkanstösse liefern, Diskussionen anregen oder auch einmal mit einem Augenzwinkern gelesen werden können.

Warum war der Kopfschutz wirkungslos?

Das Autorenteam liefert mehrere mechanistische Erklärungen für die ausbleibende Wirkung des Kopfschutzes. Entscheidend ist, dass der vorherrschende Verletzungsmechanismus nicht derjenige war, gegen den der Kopfschutz konzipiert wurde. Ganze 55 Prozent der Gehirnerschütterungen entstanden durch Kontakt mit einer anderen Person – kollidierende Köpfe, Ellbogen und untere Extremitäten – während nur 35 Prozent durch einen direkten Kopf-zu-Ball-Kontakt erfolgten. Im Labor hingegen wurde der Kopfschutz primär gegen Ballaufprall getestet, was den realen Schutzwert gegen die weitaus chaotischeren Kräfte bei Kollisionen mit Personen fraglich macht.

Ein sekundärer Befund war die Variation der Commotio-Raten zwischen den einzelnen Kopfschutzmodellen, die von 2,5 Prozent (Storelli ExoShield) bis 5,4 Prozent (Forcefield Ultra Sweatband) reichte – wobei die Studie nicht ausreichend gepowert war, um belastbare Schlussfolgerungen zwischen den Modellen zu ziehen. Diese Heterogenität legt aber nahe, dass der aktuelle einheitliche Prüfstandard im Labor unzureichend ist und unabhängige biomechanische Tests fürs Spielfeld entwickelt werden sollten.

Bemerkenswert ist, dass die Risikokompensationshypothese, wonach Kopfschutztragende rücksichtsloser spielen und damit einen möglichen Schutzeffekt aufheben, hier keine Bestätigung fand: Neben Gehirnerschütterungen waren auch andere akute Kontaktverletzungen zwischen den Gruppen vergleichbar (8,0 Prozent vs. 8,6 Prozent), was gegen eine verhaltensbezogene Enthemmung als Störgrösse spricht.
Schliesslich spielte auch das Studiendesign eine Rolle. Es handelt sich um eine grosse und sauber durchgeführte, prospektive randomisierte Studie mit exakter Erfassung der Daten durch lizenzierte Trainerinnen und Trainer. Das Design vermindert das Risiko verschiedener Biasformen, das bei observationellen Studien erhöht ist und oft zu überoptimistischen Resultaten führt.

Zukünftige Studien

Der Einbezug von Beschleunigungsmessern soll in zukünftigen Studien die Analyse der tatsächlichen Aufprallkräfte erlauben und die genaue Rolle des Kopfschutzes bei der Entstehung von Gehirnerschütterungen aufzeigen. Und wer weiss, vielleicht werden die Nationalteams dereinst mit einem Kopfschutz statt mit auffälligen Frisuren auflaufen.

Literatur

  1. McGuine T, Post E, Pfaller AY, Hetzel S, Schwarz A, Brooks MA, Kliethermes SA. Does soccer headgear reduce the incidence of sport-related concussion? A cluster, randomised controlled trial of adolescent athletes. Br J Sports Med. 2020 Apr;54(7):408–413. DOI: 10.1136/bjsports-2018-100238.