• Andere Länder – andere Medizin?

«In Frankreich erlaubt die chirurgische Ausbildung einen schnelleren Einstieg in die klinische Praxis»

Jean-Baptiste Dubuis hat in Paris ein hohes Operationsvolumen erlebt und dabei die Eigenheiten des französischen Gesundheitssystems bei der Patientenversorgung entdeckt. Gleichzeitig war er mit den Folgen von Kapazitätsengpässen konfrontiert. Im Interview berichtet er uns von seinen Erfahrungen.

Jean-Baptiste Dubuis hat ein Jahr in Paris verbracht, wo er in der Abteilung für Viszeralchirurgie und Endokrinologie des Hôpital de la Pitié-Salpêtrière tätig war. Bild: zvg
Jean-Baptiste Dubuis hat ein Jahr in Paris verbracht, wo er in der Abteilung für Viszeralchirurgie und Endokrinologie des Hôpital de la Pitié-Salpêtrière tätig war. Bild: zvg

Jean-Baptiste Dubuis, Sie haben ein Jahr in Paris verbracht. Was haben Sie dort gemacht?

Ich habe in Paris im Rahmen eines Fellowships zum Abschluss meiner klinischen Ausbildung in viszeraler und endokriner Chirurgie am Hôpital de la Pitié-Salpêtrière praktiziert. Ich war in der Abteilung von Professor Fabrice Menegaux tätig, wo ich die Gelegenheit hatte, im Klinikalltag mitzuwirken, insbesondere im Rahmen des elektiven Operationsprogramms sowie bei Notfalleingriffen. Ich habe diese Zeit auch genutzt, um an internationalen Kongressen teilzunehmen und andere Pariser Krankenhäuser zu besuchen, die im Bereich der endokrinen Chirurgie tätig sind. Parallel dazu hatte ich die Gelegenheit, an der Redaktion verschiedener wissenschaftlicher Artikel mitzuwirken, die ich auf Kongressen vorstellen durfte. So hat mir mein Aufenthalt in Frankreich einen echten Mehrwert gebracht. Und natürlich konnte ich diese Stadt mit ihrer Geschichte und ihrer Kultur hautnah erleben.

Wie sind Sie zu dieser Stelle am Hôpital de la Pitié-Salpêtrière gekommen?

Diese Stelle ist das Ergebnis der engen Zusammenarbeit zwischen den chirurgischen Teams in Genf und Frankreich. Eine Empfehlung der Hôpitaux universitaires de Genève, kurz HUG, und ein Telefongespräch mit dem Krankenhaus Pitié-Salpêtrière haben den Ausschlag gegeben. Nach der Zusage des Fellowships etwa ein Jahr im Voraus durch den Abteilungsleiter, Prof. Menegaux, habe ich die nötigen administrativen Schritte in die Wege geleitet.

Ein Blick über den Gartenzaun

In der losen Serie «Andere Länder – andere Medizin?» sprechen wir mit Ärztinnen und Ärzten oder Studierenden, die während einer gewissen Zeit im Ausland arbeite(te)n. Welche Erfahrungen haben sie dabei gemacht? Was läuft besser, was schlechter als in der Schweiz?

Ärztinnen und Ärzte, die über ihre eigenen Erfahrungen berichten möchten, dürfen sich gerne bei der Redaktion melden: journal@vsao.ch

Auf welche organisatorischen Schwierigkeiten sind Sie gestossen?

Die grössten Schwierigkeiten waren administrativer und finanzieller Natur. Die Eintragung bei der Ärztekammer der Stadt Paris erforderte zahlreiche Schritte. Ich musste unter anderem die beglaubigte Übersetzung der Zeugnisse und mehrere offizielle Dokumente vorlegen, ein Prozess, der etwa sechs Monate in Anspruch nahm. Die Finanzierung des Aufenthalts stellte ebenfalls eine Herausforderung dar, da französische Krankenhäuser nicht über Mittel für die Finanzierung solcher Stellen verfügen. Die Finanzierung des Fellowships erfolgte aus öffentlichen Mitteln aus der Schweiz, insbesondere vom Spital Wallis.

Aber trotz dieser Schwierigkeiten würde ich ein Auslandsjahr auf jeden Fall empfehlen, um den klinischen Erfahrungsschatz zu erweitern und zu vertiefen. Da in Frankreich die administrativen Formalitäten relativ viel Zeit in Anspruch nehmen, muss man rechtzeitig mit der Planung beginnen, damit alle erforderlichen Unterlagen für die Bewilligung zur klinischen Tätigkeit rechtzeitig vorliegen.

Was hat Ihnen an Ihrer Arbeit in Paris besonders gut gefallen?

Besonders geschätzt habe ich den hohen Spezialisierungsgrad der Abteilung, das grosse Operationsvolumen – das grösste in Europa im Bereich der endokrinen Chirurgie – sowie die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten und dabei gleichzeitig auf die Unterstützung von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zurückgreifen zu können. In Frankreich erlaubt die chirurgische Ausbildung einen schnelleren Einstieg in die klinische Praxis im Operationssaal. Die Assistenzärztinnen und -ärzte können zu einem früheren Zeitpunkt als in der Schweiz Operationen durchführen und werden daher schneller selbstständig. Die Oberärztinnen und -ärzte verfügen oft über eine grössere operative Autonomie, auch bei komplexen Fällen, und können bei Bedarf auf die nötige Unterstützung zurückgreifen. Dies fördert die frühzeitige Übernahme von Verantwortung.

Im Vergleich dazu ist die Weiterbildung in der Schweiz sehr strukturiert und zeichnet sich durch eine enge und schrittweise Betreuung aus, was zwar einen sicheren Rahmen bietet, aber in einer vergleichbaren Phase manchmal weniger Eigenverantwortung zulässt.

Die Funktion des «Docteur junior» (DJ), die der eines stellvertretenden Oberarztes entspricht, ist im französischen System fest verankert und tritt in der Chirurgie ab dem fünften Jahr der Facharztausbildung in Kraft. Sie trägt früh zur Selbstständigkeit der Chirurginnen und Chirurgen bei. Auch der Teamgeist war bemerkenswert, und es herrschte ein starker Zusammenhalt zwischen den Ärzte- und Pflegeteams der Abteilung. Und schliesslich habe ich dort Fachärzte kennengelernt, die sowohl in klinischer und akademischer Hinsicht als auch auf menschlicher Ebene aussergewöhnlich sind.

Was waren die weniger positiven oder schwierigeren Aspekte?

Die dem französischen Spitalsystem eigenen Schwierigkeiten waren teilweise komplexer und ausgeprägter als in der Schweiz, insbesondere der starke Druck auf die Infrastruktur, der sich in einem Mangel an Betten und freien Terminen im Operationssaal zeigte. Dies konnte die Arbeitsorganisation einschränken und Stress verursachen.

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen dem französischen und dem schweizerischen Gesundheitssystem?

Das französische System basiert auf einer einzigen staatlichen Krankenversicherung, der Sécurité sociale, und sichert so der gesamten Bevölkerung einen Zugang zur medizinischen Versorgung, unabhängig von ihrem sozioökonomischen Status. Damit kann eine gleichberechtigte Versorgung garantiert werden, die sehr umfassend und vielfältig ist. Zudem bezahlen die Patientinnen und Patienten keinen Selbstbehalt für medizinische Behandlungen.

Zur Person

Jean-Baptiste Dubuis ist Facharzt für Chirurgie (FMH) und hat einen Schwerpunkt in Viszeralchirurgie. Fasziniert von der endokrinen Chirurgie, hat er entschieden, sich auf diesem Gebiet weiterzubilden. Dies, indem er ein Jahr in der Abteilung von Prof. Frédéric Triponez in Genf und anschliessend ein Fellowship in Paris organisiert hat, um seine Weiterbildung zu verbessern.