• Fokus: Fussball

Fussball als Spiegel der Gesellschaft

Seit seiner Entstehung stellt Fussball einen präzisen Seismografen gesellschaftlicher Entwicklungen dar; einen Spiegel von Machtverhältnissen, Ausgrenzung, Emanzipation und kollektiven Emotionen.

Sport der Oberschicht und der Arbeiterklasse, der Männer und der Frauen: Fussball ist auch vom Wandel gesellschaftlicher Strukturen beeinflusst. Bild: Keystone/Photopress-Archiv/Wir.
Sport der Oberschicht und der Arbeiterklasse, der Männer und der Frauen: Fussball ist auch vom Wandel gesellschaftlicher Strukturen beeinflusst. Bild: Keystone/Photopress-Archiv/Wir.

Schon die Anfänge des Fussballs, der seine Wurzeln im Grossbritannien des 19. Jahrhunderts hat, erzählen von Klassenkämpfen. Fussball war zunächst ein Freizeitvergnügen der Oberschicht, die sich bewusst von der Arbeiterklasse abgrenzen wollte. Professionalität galt als unschicklich; gespielt wurde, weil man es sich leisten konnte, als Zeitvertreib. Doch gesellschaftlicher Wandel veränderte das Spielfeld. Mit der Reduktion der Arbeitszeit und der Einführung des freien Samstagnachmittags eroberte die Arbeiterklasse den Sport für sich. Die Elite zog sich zurück und wandte sich anderen Disziplinen wie Cricket oder Landhockey zu. Hinter diesem Prozess steht ein Akt der Selbstermächtigung: Die Arbeiterklasse übernahm einen Raum, der ihr ursprünglich nicht zugedacht war.

Massentauglich und mächtig

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Fussball auch auf dem europäischen Kontinent zum Massenphänomen – und zur Bühne der Macht. In den 1930er- und 1940er-Jahren instrumentalisierten Diktatoren den Sport. Benito Mussolini etwa, selbst kein glühender Fussballanhänger, holte 1934 die Weltmeisterschaft nach Italien. Der Turniersieg sollte innenpolitisch Zusammenhalt stiften und aussenpolitisch Stärke demonstrieren. Fussball diente der Gemeinschaftsbildung – allerdings durch Ausgrenzung. Ausländer wurden aus der Liga verdrängt, so wie nach 1933 jüdische Spieler in Nazi-Deutschland systematisch ausgeschlossen wurden. Integration und Exklusion lagen dicht beieinander; das Stadion wurde zum politischen Resonanzraum.

Sport als Staatsangelegenheit

Im Kalten Krieg setzte sich diese Logik fort. Als es 1974 bei der WM in Deutschland zum einzigen Länderspiel zwischen der BRD und der DDR kam, war es mehr als ein sportliches Aufeinandertreffen. Es wurde als ein symbolischer Systemvergleich gelesen, den die DDR dank des von Jürgen Sparwasser erzielten Tors für sich entschied. Für die DDR stellte sich sogar die heikle Frage, welche Fans in den Westen reisen durften, ohne dass die Gefahr bestand, dass sie dortbleiben würden. Der Sport wurde zur Staatsangelegenheit.

Vier Jahre später richtete Argentinien die Weltmeisterschaft aus – nur zwei Jahre nach dem Militärputsch. Wie 1934 in Italien gewann auch hier das Gastgeberland. Trotz Berichten über Manipulationen entfaltete der Triumph enorme propagandistische Wirkung. Gemäss Zeitzeugen fieberten selbst politische Gefangene mit. Gerade diese emotionale Wucht macht den Fussball so anfällig für Instrumentalisierung: Er erzeugt Zugehörigkeit, selbst unter repressiven Bedingungen.

Der Rasen als verbindender Ort

Doch die gleiche Kraft kann auch integrierend wirken. Im frühen 20. Jahrhundert war Brasilien von den Folgen des Sklavenhandels und von Segregation geprägt. Schwarze Spieler wurden aus Clubs ausgeschlossen und durften nicht in der Nationalmannschaft spielen. Dennoch kickten sie weiter – auf Hinterhöfen, improvisierten Plätzen, in eigenen Teams – und bewiesen ihr Können. Schrittweise öffneten sich die Strukturen. Fussball wurde zum Vehikel sozialer Mobilität. Natürlich dürfen solche Emanzipationsprozesse auch nicht überbewertet werden. Gerade im Hinblick auf Rassismus sind bis heute in den Stadien auch immer wieder diskriminierende Aktionen von Fans zu beobachten.

Zentral ist die Niederschwelligkeit von Fussball: Ein Ball, ein Platz – mehr braucht es nicht. Sprachkenntnisse oder Staatszugehörigkeiten spielen zunächst keine Rolle. Migrantinnen und Migranten können sich über ihre Fähigkeiten einbringen, unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen an «Integration». Fussball schafft Räume, in denen Zugehörigkeit praktisch erlebt wird.

Ein Beispiel dafür sind jüdische Fussballclubs wie der 1922 in Zürich gegründete jüdische FC Hakoah. Religiöse und säkulare Juden spielten gemeinsam, der Verein wurde in die Zürcher Liga aufgenommen. Konflikte über Spieltermine – Sabbat oder Sonntagmorgen – führten letztlich zu Kompromissen. Dass man sich auf Sonntagnachmittagsspiele einigte, war mehr als organisatorische Pragmatik; es war ein Zeichen gelebter Integration.

Vom Verbot zur Anerkennung

Mit Blick auf die Frauen-EM 2025 rückte natürlich auch die Gleichberechtigung in den Vordergrund – inklusive der Frage staatlicher Unterstützung. Die Geschichte des Frauenfussballs ist eine Geschichte von Fortschritt und Rückschritt: Auf erste Emanzipationsschübe in den 1920er-Jahren folgten Verbote mit der absurden Begründung, Fussball schade der Gebärfähigkeit.

Erst mit der zweiten Frauenbewegung ab den 1960er-Jahren und verstärkt seit der Jahrtausendwende gewann der Frauenfussball an Anerkennung. Ein wichtiger Impuls kam aus den USA. Dort hatte Fussball im Schatten stark männlich konnotierter Sportarten wie American Football oder Baseball früh den Raum für Frauen geöffnet. Das WM-Finale 1999 in Los Angeles, verfolgt von über 90 000 Fans und dem damaligen Präsidenten Bill Clinton, setzte Bilder in die Welt, die auch Europa prägten.

Stets mehr als ein Spiel

So zeigt sich über die Jahrzehnte hinweg ein konstantes Muster. Fussball ist nie nur ein Spiel. Er ist Bühne und Kampfplatz, Integrationsraum und Ausgrenzungsort, Projektionsfläche für nationale Mythen ebenso wie für globale Konflikte. Wer genau hinschaut, sieht, dass Fussball nicht nur aus Toren und Tabellen besteht, sondern gesellschaftliche Kontinuitäten und Wandel reflektiert.

Literatur

  • FC Hakoah Zürich (Hg.) (2023), «De Stern ufem Herz, in Züri dihei». Hundert Jahre Vielfalt, Offenheit und Toleranz, Zürich: Chronos.
  • Kassimeris Christos (2024), The Politics of Football, Abingdon, Oxford / New York NY: Routledge.
  • Meier Marianne, Hofmann Monika (2025), Das Recht zu kicken. Die Geschichte des Schweizer Frauenfussballs, Zürich: Hier und Jetzt.
  • Peters Christina (2022), Das globalisierte Spiel. Fussball und Identitäten in Brasilien aus transnationaler Perspektive, 1894–1930, Darmstadt: wbg Academic.
  • Schulze-Marmeling Dietrich, Beyer Bernd-M. (2025), Politik im Spiel. Die andere Geschichte der deutschen Fussball-Nationalmannschaft, Rastede: edition einwurf.