- Fokus: Moment
Die Quest nach dem perfekten Augenblick
Wer die Drohnenbilder von Simon Wicht anschaut, sieht schnell: Sujets – beispielsweise Schiffe – senkrecht von oben in sanftem Licht sind seine Spezialität. Damit er den richtigen Moment erwischt, braucht es eine minutiöse Planung.
11.08.2026
Eigentlich wollte Simon Wicht an einem Augusttag im Jahr 2018 in Yverdon nur neue Schuhe kaufen. Doch dazu kam er nicht. Denn auf dem Weg zur Schuhabteilung sah er ein Regal mit Drohnen. Schnell waren die Schuhe vergessen – und stattdessen kehrte er mit der Drohne DJI Spark, die er liebevoll «Sparky» nennt, nach Hause zurück.
Eine neue Perspektive
Und Sparky veränderte das Leben von Simon Wicht nachhaltig. Hatte er bis dahin in seiner Freizeit als DJ aufgelegt und am Wochenende oft bis am späten Vormittag geschlafen, wandelte er sich nun zum Frühaufsteher, um seine Drohnenflüge bei den besten Lichtverhältnissen machen zu können. Besonders faszinierend findet Simon Wicht, der als Berater für Hilfsmittel in einem Unternehmen der Schweizer Paraplegiker-Gruppe arbeitet, die zusätzliche Perspektive: «Die Drohnen bringen mich an Orte, die ich selbst nicht sehen kann», sagt er.
Genaue Planung für den richtigen Moment
Ziemlich schnell entwickelte er so auch seinen «Signature Shot»: Top-down und minimalistisch mit viel negativem Raum, also viel freier Fläche rund um das Motiv. Gut umsetzen lässt sich dies auf dem Wasser. Dementsprechend oft ist Simon Wicht an Seen und Flüssen anzutreffen. Um im entscheidenden Moment parat zu sein, bereitet er seine Einsätze minutiös vor, dem Zufall überlässt er nur wenig: Neben dem Fahrplan der Schiffe prüft er auch das Wetter, plant den Sonnenstand ein – am liebsten fotografiert er im sanften Licht am Morgen oder am Abend –, studiert Flugverbotszonen und nimmt Rücksicht auf das Verhalten der Vögel, die in der Brutzeit aggressiver sind als sonst. Und nicht zuletzt muss er auch die Akkulaufzeit seiner Drohne im Auge behalten: Länger als 30 bis 40 Minuten am Stück kann er nicht fliegen. «Das alles ist beinahe schon höhere Mathematik», sagt er lachend.
Nicht planbar sind hingegen Begegnungen mit Menschen, die Simon Wichts Hobby bisweilen auch kritisch gegenüberstehen. Er hat dafür Verständnis – bis zu einem gewissen Grad: «Ich halte mich an alle Vorgaben, nehme so gut es geht Rücksicht, erkläre den Menschen, was ich mache, lasse sie aufs Display schauen und sende ihnen auf Wunsch auch die Bilder zu.» In den meisten Fällen reiche dies, um Vorbehalte auszuräumen.
Wie in einem Game
Ab und zu fotografiert Simon Wicht auf Auftrag. Damit finanziert er sein Hobby, denn bei Sparky ist es nicht geblieben. Mittlerweile sind noch einige weitere und teurere Drohnen hinzugekommen: von Moustique und Monsieur Cheeseburger über Murphy und Junior bis hin zu Ragnar, Lagertha und Son Goten.
Meist macht Simon Wicht seine Bilder jedoch aus Spass. Dabei setzt sich der gelegentliche Gamer gerne Challenges. So wollte er beispielsweise in einem Monat alle acht Belle-Époque-Schiffe auf dem Genfersee bei Sonnenuntergang fotografieren. «Für mich ist das wie eine Quest: Ich muss schauen, wo und wann das Schiff startet, wo es hinfährt, wo ich fotografieren darf – auf dem Genfersee gibt es viele Flugverbotszonen – und dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Manchmal komme ich mir vor wie früher bei Pokémon: ‹Gotta Catch 'Em All›.»
Planung hilft nicht immer
Die schönsten Schiffe in der Schweiz hat Simon Wicht mittlerweile fotografiert, nun hält er Ausschau nach anderen Motiven, die in sein Konzept passen. Sportlerinnen und Sportler wären eine mögliche Alternative, etwa beim Turmspringen oder beim Stabhochsprung in der Golden Hour.
Ein Wunsch ist für ihn jedoch bislang unerfüllt geblieben: das Fotografieren eines grossen Flughafens wie Zürich bei Sonnenaufgang. Ein Traum, der wohl noch länger einer bleiben wird: «Rund um Flughäfen gilt für Drohnen ein striktes Flugverbot. Ohne eine offizielle Erlaubnis der zuständigen Behörden nützt mir auch die beste Planung nichts.»