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«Die 42+4-Stunden-Woche ist aktuell praktisch immer Thema der Dienstplanberatung»

Philipp Rahm berät im Auftrag des vsao schweizweit Kliniken und Spitäler im Bereich Dienstplanung. Seit dem Start dieser Dienstleistung Ende 2014 wurden an vielen Spitälern namhafte Verbesserungen im Einhalten der arbeitsgesetzlichen Vorgaben erreicht. Im Interview erklärt Philipp Rahm, wie er vorgeht und was eine gute Dienstplanberatung ausmacht.

Die Dienstplanberatung ist eine der erfolgreichsten und gefragtesten Dienstleistungen des vsao. Bild: Adobe Stock / SL Creations
Die Dienstplanberatung ist eine der erfolgreichsten und gefragtesten Dienstleistungen des vsao. Bild: Adobe Stock / SL Creations

Die Dienstplanung für die Ärzteschaft ist für Spitäler ein zentrales Instrument, um das Arbeitsgesetz einzuhalten. Warum gestaltet sich diese so anspruchsvoll?

In einem Spitalbetrieb wird rund um die Uhr und an allen Wochentagen gearbeitet. Praktisch alle Kliniken haben eine durchgehende Dienstabdeckung zu gewährleisten. Diese sollte möglichst ressourcenschonend erfolgen, aber eben auch die gesetzlichen Anforderungen respektieren, namentlich die Regeln für Nachtarbeit oder für den Pikettdienst. Diese Anforderungen sind nicht einfach unter einen Hut zu bringen, vor allem nicht, wenn die Stellen zu knapp bemessen sind.

Von wem und wie kann eine Dienstplanberatung angefragt werden?

Die vom vsao offerierte und finanzierte Beratung kann von allen Ebenen über das Formular auf der vsao-Website (www.vsao.ch) angefragt werden: von den betroffenen Ärztinnen und Ärzten, von den Planungsverantwortlichen, aber auch von Klinikleitenden oder von der Spitalleitungsebene. Mit einigen Spitälern besteht eine langjährige, enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit auf HR-Ebene. Grundpfeiler sind die Vertraulichkeit im Umgang mit den Informationen und Daten, Transparenz bei den Ergebnissen gegenüber allen Stufen innerhalb der Klinik bzw. des Spitals sowie die Information der lokalen vsao-Sektion.

Wie viele Anfragen erhält der vsao jährlich ungefähr, und wie oft geht es dabei um die Arbeitszeitreduktion bzw. das Arbeitszeitmodell der 42+4-Stunden-Woche?

Pro Jahr erfolgen Beratungen in etwa 50 bis 70 Kliniken und Spitälern. Die 42+4-Stunden-Woche ist aktuell praktisch immer Thema der Beratung. Eine arbeitsgesetzeskonforme Dienstplanung ist Basis für die Einführung eines 42+4-Stunden-Prinzips.

Zusätzlich zu diesen Dienstplanberatungen im eigentlichen Sinne beantworte ich zahlreiche punktuelle Fragen, z. B. zur Umsetzung des Arbeitsgesetzes in der Dienstplanung, zur eigenen Anstellung, zur Weiterbildung, zum Umgang mit Überzeit oder unverschuldeter Minuszeit.

Wie läuft eine Dienstplanberatung ab?

Ich nehme mit der anfragenden Person Kontakt auf, und wir diskutieren, welches Vorgehen am zielführendsten ist. Es folgt in der Regel eine Bestandesaufnahme im Sinne einer Ist-Analyse der aktuellen Dienstplanung. Diese Analyse wird allen Betroffenen zur Verfügung gestellt. Im Idealfall sind von Anfang an alle Ärztinnen und Ärzte in der Klinik über die Anfrage informiert. Im Rahmen einer gemeinsamen Sitzung mit den Dienstplanverantwortlichen wird auf sachlicher Basis das weitere Vorgehen besprochen. Ein aktiver Einbezug des HR ist jeweils wertvoll, denn weitere Auswertungen können hilfreich sein; beispielsweise das Erheben der durchschnittlichen Arbeitszeiten pro Dienst oder Schicht. Bei Bedarf können Dienstplanmodelle visualisiert und der hierfür notwendige Stellenbedarf berechnet werden. Manchmal erfolgen diese Prozesse auch unter gänzlicher Wahrung der Anonymität der initial anfragenden Person. Die lokale vsao-Sektion wird über die Anfrage informiert und auf dem Laufenden gehalten.

Welche Parteien sind erfahrungsgemäss in einem Spital an der Dienstplanberatung beteiligt, und wo liegen die thematischen Schwerpunkte?

Meist folgt auf die Analyse der Ist-Situation – oder bereits initial – eine gemeinsame Sitzung mit den Dienstplanenden der Klinik, der Klinikleitung und der zuständigen Person aus der HR-Abteilung. Die Ebene der betroffenen Ärztinnen und Ärzte sollte auch vertreten sein. Fast immer Thema sind das Einhalten der Höchstarbeitszeit beim Planen von Wochenenddiensten, die Regeln zur Nachtarbeit bei Spät- und Nachtdiensten sowie der Pausen. Hinzu kommen Fragen zur Weiterbildung, zum Umgang mit planungsbedingter, unverschuldeter Minuszeit, zum Zeiterfassungssystem und zum korrekten Umgang mit der Überzeit. Zu lange Tagesarbeitszeiten und zu gering dotierte Stellenpläne sind ebenfalls meist Teil der Diskussionen.

Ziel der Dienstplanberatung ist eine sachliche, konstruktive Lösungssuche. Was ist auf der Seite des Spitals notwendig, damit dies gelingen kann?

Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit. Die Dienstplanberatung hat eine Versachlichung der komplexen Fragestellungen zum Ziel. Es sollen nachhaltige Verbesserungen erzielt werden – und zwar nicht nur beim Einhalten der arbeitsrechtlichen Vorgaben, sondern auch mit Blick auf die Mitarbeiterzufriedenheit, die Weiterbildung und die Arbeitgeberattraktivität. Durch eine optimierte Planung und Inputs, beispielsweise zum Überarbeiten von Tagesstrukturen, sollen auch die Ressourcen gezielter und effizienter eingesetzt werden.

Welche Arten von Problemen offenbaren sich bei Dienstplanberatungen?

Ein zu tiefer Stellenschlüssel beispielsweise – sei dies, weil dieser zu tief berechnet oder bewilligt wurde oder weil er nicht vollständig besetzt werden konnte – ist kaum vereinbar mit einer arbeitsgesetzeskonformen Dienstplanung. Die Dienstplanenden sehen dies jeweils, sie können das Problem aber nicht selbst lösen. Ein für mich wichtiges Thema ist die Gleichbehandlung von Teilzeit- und Vollzeitangestellten. In der Dienstplanung kann dies erreicht werden, indem beispielsweise das Planen von Wochenend- und Nachtdiensten bzw. der entsprechenden Ausgleichstage nach einer gleichwertigen Logik erfolgt. Dieses Anliegen stammt nicht aus dem Arbeitsgesetz, sondern aus dem Gebot der Gleichbehandlung, das an vielen Stellen der Gesetzgebung verankert ist. Verständnis dafür zu schaffen, ist Teil der Beratung.

Wie geht der Prozess nach der Dienstplanberatung weiter?

Je nach Umfang und Ergebnis der Beratung hat die Klinik im Anschluss genügend Informationen, um die Planungssituation selbstständig nachhaltig zu verbessern. Meist kommen in den Folgemonaten aus der Klinik einige Rückfragen zu spezifischen Themen. Und bei aufkommenden neuen Fragestellungen besteht der Kontakt zur Dienstplanberatung bereits, und der Weg ist entsprechend kürzer.

Was motiviert Sie an der Arbeit in der Dienstplanberatung?

Als Dienstplanberater bekomme ich tiefe Einblicke in Kliniken und Spitäler der ganzen Schweiz, die man ohne das grosse Vertrauen in die Dienstleistung nicht einfach so bekäme. Diese Einblicke sind auch für mich sehr interessant und bereichernd. Es ist ein Privileg, im Gesundheitswesen über Jahre hinweg so viel bewegen zu können und sich für gute Arbeitsbedingungen von Ärztinnen und Ärzten einsetzen zu dürfen. Dass es notwendig ist, die Sollarbeitszeit unter die Höchstarbeitszeitgrenze zu senken oder dass die Pausenzeit bei Gebundenheit in Dienstarztfunktion als Arbeitszeit zu zählen ist, bestreitet beispielsweise heute kaum mehr jemand, und der korrekte Umgang mit der Überzeit ist ein schweizweites Thema geworden. Ich hoffe, dass dies auch bei der Gleichbehandlung von Teil- und Vollzeitangestellten in der Planung eines Tages der Fall sein wird.

Zur Person

Philipp Rahm ist Dienstplanberater und berät im Auftrag des vsao Kliniken und Spitäler in der ganzen Schweiz. Hauptberuflich ist er als Leitender Arzt in der interdisziplinären Notfallstation im Kantonsspital Baden tätig. Im Gesundheitswesen ist er breit vernetzt.

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