• Unvergessen

Der Mensch hinter der Krankheit: ein Fall aus der Psychiatrie

Durch einen Suizidversuch ist Herr A. zum Paraplegiker geworden. In den wöchentlichen Gesprächen geht es jedoch nicht nur um seine Krankheit, sondern um viel mehr.

Hausbesuche gehören heute kaum mehr zum psychiatrischen Alltag. Umso eindrücklicher ist die Erfahrung mit Herrn A., den ich seit Mai 2016 einmal wöchentlich in einer Wohneinrichtung für jüngere Menschen mit Hirnverletzungen besuche. Aufgrund einer seit 1993 bestehenden Paraplegie nach einem Suizidversuch ist ein Besuch meiner Praxis trotz vorhandenen Rollstuhllifts praktisch unmöglich. Der Transfer wäre für den Patienten zu belastend und organisatorisch unverhältnismässig.

Unvergessen

In ihrem Alltag erleben Ärztinnen und Ärzte die Schicksale verschiedenster Menschen hautnah mit – und trotz aller professioneller Distanz lassen sie viele Erlebnisse nicht unberührt. In der Serie «Unvergessen» erzählen Ärztinnen und Ärzte – von der Geburtshilfe bis hin zur Geriatrie – von einem Fall, der sie besonders geprägt hat.

Gespräche mit hohem Stellenwert

Jeden Montag um 19 Uhr wartet Herr A. bereits am Eingang des Heims. Diese kleine Geste zeigt, welche Bedeutung die Gespräche für ihn haben. Das Heim bietet eine gute pflegerische Versorgung, doch für intensive zwischenmenschliche Gespräche bleibt dem Personal im Alltag oft nur wenig Zeit. Viele Mitbewohnende sind aufgrund ihrer neurologischen Einschränkungen nur eingeschränkt zu einer lebhaften verbalen Kommunikation fähig. Gerade für einen intellektuell interessierten Menschen entsteht dadurch eine Form der sozialen Isolation, die von aussen leicht übersehen wird.

Unsere Gespräche kreisen selbstverständlich um seine Erkrankung, die chronischen Schmerzen und die psychischen Belastungen. Ebenso häufig sprechen wir jedoch über Philosophie, Musik, Religion und zeitgenössische deutschsprachige Literatur. Es sind Gespräche, die nicht nur Symptome behandeln, sondern den Menschen hinter der Erkrankung sichtbar werden lassen. In einer Zeit, in der Medizin häufig auf Diagnosen, Laborwerte und Leitlinien reduziert wird, erinnern diese Begegnungen daran, dass Identität weit mehr ist als eine ICD-Diagnose.

Homosexualität als Einflussfaktor?

Herr A. wuchs in einem religiös geprägten Umfeld auf. 1993 erkannte er seine homosexuelle Orientierung. Obwohl ihm seine Familie seine Homosexualität nie ausdrücklich untersagte, hörte er immer wieder, dass diese nicht «normal» sei. Ob diese Erfahrungen zu seinem späteren Suizidversuch beigetragen haben, lässt sich retrospektiv nicht beantworten. Schuldzuweisungen wären weder gerechtfertigt noch hilfreich. Dennoch erscheint es legitim, über den Einfluss gesellschaftlicher und religiöser Normen auf das Selbstwertgefühl und die psychische Entwicklung eines jungen Menschen nachzudenken.

Ständige Abwertung birgt Risiken

Religiöser Glaube kann für viele Menschen eine bedeutende Ressource sein. Er vermittelt Sinn, Halt, Hoffnung und soziale Zugehörigkeit. Problematisch wird die Situation jedoch dann, wenn religiöse oder gesellschaftliche Überzeugungen dazu führen, dass ein Mensch seine sexuelle Identität als moralisch verwerflich, sündhaft oder «nicht normal» erlebt. Häufig geschieht dies nicht durch offene Ablehnung, sondern durch wiederholt geäusserte Wertungen, unausgesprochene Erwartungen oder das Gefühl, nicht vollständig angenommen zu werden.

Aus der psychologischen Forschung ist bekannt, dass die Erfahrung von Zurückweisung, Stigmatisierung oder chronischem Minderheitenstress mit einem erhöhten Risiko für Depressionen, Angststörungen und suizidales Erleben verbunden sein kann. Entscheidend ist dabei weniger die religiöse Zugehörigkeit selbst als vielmehr die Botschaft, die ein Mensch über seinen eigenen Wert vermittelt bekommt.

Identität respektieren statt bewerten

Für uns als Ärztinnen und Ärzte ergibt sich daraus eine wichtige Aufgabe: Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung mit Respekt zu begegnen und einen therapeutischen Raum zu schaffen, in dem Identität nicht bewertet, sondern verstanden wird. Gerade für Patientinnen und Patienten mit langjährigem psychischem Leiden kann diese Erfahrung von Akzeptanz einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung und zur Lebensqualität leisten.

Biopsychosoziale Begleitung bei chronischen Schmerzen

Heute leidet Herr A. neben den Folgen der Paraplegie unter einer chronischen Schmerzstörung und einer rezidivierenden depressiven Störung. Die Schmerztherapie wurde über Jahre in enger Zusammenarbeit mit dem Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil optimiert. Auch moderne Verfahren, einschliesslich einer intravenösen Ketaminbehandlung im spezialisierten Schmerzzentrum, führten zu keiner nachhaltigen Besserung der Schmerzsymptomatik. Umso deutlicher zeigt sich, dass chronische Schmerzen nicht allein pharmakologisch behandelbar sind, sondern einer langfristigen biopsychosozialen Begleitung bedürfen.

Hoffnung trotz Stillstand

Bemerkenswert ist, dass es durch die kontinuierliche ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung über mittlerweile gut zehn Jahre gelungen ist, erneute Suizidversuche und längere psychiatrische Hospitalisationen zu vermeiden. Die Therapie besteht dabei selten aus spektakulären Interventionen. Sie besteht aus Kontinuität, Verlässlichkeit und dem gemeinsamen Aushalten einer chronischen Erkrankung. Sie besteht darin, Hoffnung wachzuhalten, auch wenn sich weder die neurologische Situation noch die Schmerzen wesentlich verändern.

Psychiatrische Hausbesuche sind zeitaufwendig und im heutigen Gesundheitssystem wirtschaftlich kaum attraktiv. Für einzelne schwer beeinträchtigte Patientinnen und Patienten können sie jedoch den entscheidenden Unterschied zwischen sozialem Rückzug und gelebter Teilhabe, zwischen chronischer Hoffnungslosigkeit und psychischer Stabilität ausmachen. Gerade in der Behandlung chronisch kranker Menschen wird deutlich, dass Psychotherapie nicht nur die Linderung von Symptomen bedeutet. Sie kann ein Ort sein, an dem ein Mensch wie Herr A. trotz schwerster körperlicher Einschränkungen als Gesprächspartner, Leser, Musikliebhaber und denkender Mensch wahrgenommen wird.

Begegnungen mit Menschen mit chronischer Krankheit berühren: Man wird sich erst dann bewusst, wie wichtig unsere Arbeit ist. Denn alle von uns können davon betroffen sein.

Zur Person

Christian F. Schützinger ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Praktischer Arzt mit einem Fähigkeitsausweis für Abhängigkeitserkrankungen.

Hilfe bei Suizidgedanken

Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da:

  • Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Telefon 143
  • Beratungstelefon von Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): Telefon 147
  • Weitere Adressen und Informationen: www.reden-kann-retten.ch

Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben: