- Fokus: Risiko
(Chronische) Einsamkeit: ein Gesundheitsrisiko mit vielfältigen Ursachen
Einsamkeit ist ein komplexes und gesundheitlich hochrelevantes Phänomen, das nicht nur ältere Menschen betrifft, sondern Personen jeden Alters. Entsprechende Interventionen sind insbesondere dann wirksam, wenn sie negative Erwartungen und Interpretationen sozialer Situationen adressieren – wobei auch strukturelle Aspekte nicht ausser Acht gelassen werden sollten.
14.04.2026
Einsamkeit beschreibt ein aversives Gefühl, das auftritt, wenn eine subjektiv erlebte Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen – sei es in Bezug auf Qualität oder Quantität – wahrgenommen wird. Sie unterscheidet sich von objektiver sozialer Isolation: Menschen können sich trotz zahlreicher Kontakte einsam fühlen und mit wenigen Kontakten dennoch ein Gefühl sozialer Verbundenheit erleben.
Bedeutsam ist zudem die Unterscheidung zwischen vorübergehender, situationaler und chronischer Einsamkeit, da insbesondere Letztere mit erheblichen gesundheitlichen Belastungen verbunden ist. Während vorübergehende Einsamkeit ein adaptives Warnsignal («sozialer Durst») darstellt, kann chronische Einsamkeit zu einem eigenständigen, gesundheitsschädlichen Zustand werden.
Psychische und somatische Auswirkungen
Die gesundheitlichen Folgen von (chronischer) Einsamkeit sind vielfältig und wissenschaftlich sehr gut untersucht. Metaanalysen zeigen z. B. konsistent, dass Einsamkeit mit einer deutlich erhöhten Mortalität einhergeht. Eine kürzlich erschienene Übersichtsarbeit [1] zeigt, dass Einsamkeit das Risiko für eine beeinträchtigte Gesundheit erhöht. Einsamkeit steht demnach u. a. mit depressiven Störungen, sozialen Angststörungen, Schlafstörungen sowie Suizidalität in Zusammenhang. Besonders gut belegt ist die Korrelation zwischen Einsamkeit und depressiven Symptomen: Einsamkeit sagt sowohl das Auftreten als auch die Verschlimmerung depressiver Symptomatik voraus.
Auch die körperliche Gesundheit wird massgeblich beeinträchtigt. Längsschnittstudien zeigen z. B., dass Einsamkeit (auch unabhängig von objektiver sozialer Isolation) das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Darüber hinaus ist Einsamkeit mit weiteren somatischen Erkrankungen wie Diabetes Typ II assoziiert. Sie trägt zudem zur Verschlechterung kognitiver Funktionen bei und erhöht das Risiko für demenzielle Erkrankungen im Alter. In Studien zu Gesundheit und Einsamkeit zeigen sich in der Regel bidirektionale Zusammenhänge, d. h. (chronische) Einsamkeit beeinträchtigt die Gesundheit, während umgekehrt eine beeinträchtigte Gesundheit Einsamkeit begünstigt.
Auch junge Menschen fühlen sich einsam
Trotz ihrer hohen gesundheitlichen Bedeutung stellt (chronische) Einsamkeit keine klinische Diagnose dar. Eine generelle Pathologisierung von Einsamkeit sollte vermieden werden, da das Gefühl grundsätzlich eine zutiefst menschliche Reaktion auf ein unzureichend befriedigtes soziales Bedürfnis ist. Entscheidend ist vielmehr, adaptive von maladaptiven Formen von Einsamkeit zu unterscheiden und zu verstehen, welche biopsychosozialen Faktoren zur Chronifizierung von Einsamkeit beitragen.
Je nach verwendetem Schwellenwert berichten unterschiedlich viele Menschen von häufigen Einsamkeitsgefühlen, wobei Personen jeden Alters betroffen sein können. Je nach Studienpopulation und Operationalisierung von «erhöhter» Einsamkeit sind 7–20 Prozent betroffen [2, 3]. Seit der Coronapandemie wird in der breiten Öffentlichkeit zunehmend anerkannt, dass Einsamkeit nicht nur ein Problem älterer Menschen ist. Jugendliche und (jüngere) Erwachsene rücken stärker in den Fokus [4].
Ein Zusammenspiel vielfältiger Ursachen
Die vorhandene Evidenz legt nahe, dass (chronische) Einsamkeit durch einen multifaktoriellen Ursachenkomplex erklärt wird. Wichtige Einflussfaktoren können nebst aktuellen Lebensereignissen unter anderem genetische Prädispositionen, negative Kindheitserfahrungen (z. B. emotionale Vernachlässigung oder Mobbing), Persönlichkeitseigenschaften, die Partnerschaftssituation, der Gesundheitszustand, aber auch sozioökonomische Faktoren sowie gesellschaftliche und strukturelle Bedingungen sein [5]. Dabei gilt es, neben auslösenden auch aufrechterhaltende Faktoren mitzuberücksichtigen. Zwar wird die häufige Nutzung digitaler Medien oft als Ursache von Einsamkeit diskutiert, empirische Daten weisen jedoch nur auf kleine, bidirektionale Zusammenhänge hin. Während bestimmte Nutzungsformen wie passiver Konsum oder exzessive Bildschirmzeiten mit Einsamkeit assoziiert sind, können aktive Formen sozialer Mediennutzung Verbundenheit fördern [6].
Soziale Informationsverarbeitung als ein Ansatzpunkt wirksamer Interventionen
Die Vielschichtigkeit von Einsamkeit schliesst wirksame Interventionen nicht aus. Metaanalysen zeigen, dass psychologische Interventionen, insbesondere solche, die soziale Kognitionen adressieren, wirksam sind. Interventionen, die negative Erwartungen und dysfunktionale Interpretationen sozialer Situationen bearbeiten, erzielen dabei in der Regel bessere Ergebnisse als reine Kontakt- oder Aktivierungsmassnahmen [7]. Jedoch weiss man noch zu wenig darüber, wer von welcher Intervention am besten profitiert. Bei objektiver sozialer Isolation scheinen soziale Interventionen hilfreicher zu sein, während bei Einsamkeit psychologische Interventionen wirksamer sind [8].
Nicht zuletzt kann Einsamkeit auch durch strukturelle Rahmenbedingungen, z. B. das Fehlen von Orten/Möglichkeiten, die niederschwellige soziale Interaktion zulassen, oder Marginalisierung aufgrund von Armut, Krankheit oder der Zugehörigkeit zu einer Minderheitengruppe, aufrechterhalten werden [9]. Um in der Gesellschaft soziale Verbundenheit zu stärken und die erheblichen Folgen chronischer Einsamkeit zu reduzieren, sind – abhängig von den persönlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der betroffenen Personen – neben individuellen Interventionen auch strukturelle Massnahmen oder deren Zusammenspiel erforderlich.
Ratgeber für Fachpersonen und Betroffene
PD Dr. phil. Tobias Krieger und Dr. phil. Noëmi Seewer haben praxisorientierte Ratgeber für Fachpersonen (Krieger & Seewer, 2022) sowie für betroffene Personen (Seewer & Krieger, 2025) für den Umgang mit Einsamkeit entwickelt. Diese sind im Hogrefe Verlag erschienen und bieten wissenschaftlich fundierte Informationen sowie konkrete Handlungsempfehlungen.
Literatur
- Buecker, S., & Neuber, A. (2024). Einsamkeit als Gesundheitsrisiko: Eine narrative Übersichtsarbeit. Bundesgesundheitsblatt, 67, 1095–1102. doi: 10.1007/s00103-024-03939-w.
- Obsan. (17. Januar 2025). Einsamkeit. Obsan-Indikatoren. https://ind.obsan.admin.ch/indicator/obsan/einsamkeit.
- Luhmann, M., Brickau, D., Schäfer, B., Mohr, P., Schmitz, M., Neumann, A. & Steinmayr, R. (2023). Einsamkeit unter Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen nach der Pandemie. AEJ NRW. https://www.aej-nrw.de/wp-content/uploads/2023/12/RZ_DIGITAL_Luhmann_Einsamkeit_NRW_A01_KSE_1.pdf.
- Höglinger, M., Heiniger, S., Egger, T., Meier, F., Moser, A., Schmelzer, S. (2023). Lebensqualität, psychische Gesundheit, Einsamkeit und Adhärenz an Schutzmassnahmen während der Covid-19-Pandemie : Schlussbericht zum Covid-19 Social Monitor. Bern: Bundesamt für Gesundheit (BAG). doi: 10.21256/zhaw-2458.
- Krieger, T., & Seewer, N. (2024). Should loneliness be a treatment target? Psychotherapy and Psychosomatics, 93(5), 292–297. doi: 10.1159/000540988.
- Nowland, R., Necka, E. A., & Cacioppo, J. T. (2018). Loneliness and social internet use: Pathways to reconnection in a digital world? Perspectives on Psychological Science, 13(1), 70–87. doi: 10.1177/1745691617713052.
- Lasgaard, M., Qualter, P., Løvschall, C., Laustsen, L. M., Lim, M. H., Sjøl, S. E., Burke, L., Blæhr, E. E., Maindal, H. T., Hargaard, A.-S., Christensen, R., & Christiansen, J. (2025). Are loneliness interventions effective for reducing loneliness? A meta-analytic review of 280 studies. American Psychologist. Advance online publication. doi: 10.1037/amp0001578.
- Zagic, D., Wuthrich, V. M., Rapee, R. M., & Wolters, N. (2022). Interventions to improve social connections: a systematic review and meta-analysis. Social psychiatry and psychiatric epidemiology, 57(5), 885–906. doi: 10.1007/s00127-021-02191-w.
- Barreto, M., Doyle, D. M., & Qualter, P. (2024). Changing the narrative: Loneliness as a social justice issue. Advances in Political Psychology, 45(Suppl. 1), 157–181. doi: 10.1111/pops.12965.