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Bio-Banding im Nachwuchsfussball: was relative und biologische Altersunterschiede bewirken
Im Nachwuchsfussball werden Kinder und Jugendliche traditionell nach Jahrgang eingeteilt. Für die Praxis ist das einfach, für eine faire Talentförderung aber nicht immer ausreichend. Der Schweizerische Fussballverband (SFV) bemüht sich, dies zunehmend zu berücksichtigen.
09.06.2026
Beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) setzen wir uns intensiv mit der Frage auseinander, wie Talentförderung im Nachwuchsfussball gerechter werden kann. Der Grund ist einfach: Gleich alt auf dem Papier bedeutet noch lange nicht gleich weit in der Entwicklung. Unsere Broschüre zur Chancengleichheit im Jugendfussball zeigt, dass innerhalb eines Jahrgangs relative Altersunterschiede von bis zu zwölf Monaten bestehen. Gleichzeitig können sich während der Pubertät biologische Altersunterschiede von bis zu sechs Jahren ergeben. Trotz gleicher erwarteter Erwachsenengrösse sind in der Entwicklung Körpergrössenunterschiede von bis zu 40 Zentimetern möglich.
Unterscheidung zwischen relativem und biologischem Alter
Wichtig ist deshalb die Unterscheidung zwischen dem relativen Alterseffekt (RAE) und dem biologischen Entwicklungsstand (BES). Der RAE beschreibt den Altersvorsprung innerhalb desselben Jahrgangs. Ein Januarkind ist fast ein Jahr älter als ein Dezemberkind und hat damit oft Vorteile bei Kraft, Schnelligkeit, Durchsetzungsvermögen und teilweise auch in der Wahrnehmung durch Trainerinnen und Trainer (Abbildung 1).
Dies hat auch Auswirkungen: Je später im Jahr Spielerinnen und Spieler geboren sind, desto kleiner ist ihr Anteil im SFV-Nachwuchsförderungsprogramm Footeco und in den Nationalteams der Knaben (Grafiken 1 und 2).
Der BES beschreibt dagegen, wie weit Kinder und Jugendliche körperlich tatsächlich entwickelt sind. Zwei gleichaltrige Talente mit genau demselben Geburtsdatum können biologisch in völlig unterschiedlichen Phasen sein: Das eine ist früh, das andere spät entwickelt. So können gleichaltrige 14-Jährige trotz gleicher erwarteter Erwachsenengrösse ganz unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen (Abbildung 2). Das Geburtsdatum allein ist also kein fairer Massstab.
Die Krux des spät entwickelten Dezemberkinds
Entscheidend ist: RAE und BES sind nicht dasselbe und sie sind voneinander unabhängig. Ein Dezemberkind ist nicht automatisch spät entwickelt. Treffen aber relativer und biologischer Nachteil zusammen, entsteht eine doppelte Benachteiligung. Dies kann am Beispiel spät entwickelter Dezemberkinder verdeutlicht werden (Abbildung 3).
Solche Talente schaffen es praktisch nie in ein Förderprogramm. Hinzu kommt ein Teufelskreis: Wer biologisch jünger ist, wird eher unterschätzt, seltener selektioniert, weniger speziell gefördert und beendet seine Fussballlaufbahn unter Umständen früher (Grafik 3).
Bio-Banding als faires Förderungsinstrument
Genau hier setzt Bio-Banding an. Beim Bio-Banding werden junge Fussballerinnen und Fussballer im Training oder Wettkampf nach ihrem biologischen statt nach ihrem chronologischen Alter eingeteilt (Abbildung 4). Dadurch entstehen ausgeglichenere Lern- und Spielumfelder. Früh entwickelte Talente können sich nicht mehr nur auf ihre Physis verlassen, sondern müssen verstärkt technische, taktische und kognitive Lösungen finden. Spät entwickelte Talente erhalten mehr Ballaktionen, mehr Verantwortung und mehr Erfolgserlebnisse. Aus unserer Sicht ist Bio-Banding deshalb kein Ersatz für bestehende Strukturen, sondern ein wichtiges Ergänzungsinstrument für eine fairere Förderung.
Studien belegen Wirksamkeit
Dass dieser Ansatz in der Praxis Wirkung zeigt, belegen wissenschaftliche Erkenntnisse aus einer gemeinsamen Studie des SFV und der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen (EHSM) [1] mit Knaben der Footeco-Kategorien FE-13 und FE-14 im Alter von 12 und 13 Jahren. Dort wurde das herkömmliche Spielformat mit Bio-Banding verglichen. Besonders die spät entwickelten Talente profitierten: Sie verzeichneten mehr Balleroberungen, mehr Offensivaktionen, mehr Spielbeteiligung und waren effizienter am Ball. Gleichzeitig entstand für früh entwickelte Talente kein Nachteil. Sie konnten ihr Spielniveau auch gegen chronologisch ältere und biologisch ähnlich entwickelte Gegner halten.
Neu bestätigt wird diese Richtung durch eine 2026 von der EHSM und vom SFV publizierte Studie [2]. Die Untersuchung basiert auf Daten aus dem SFV-Talententwicklungssystem und verfolgt das Ziel, Sprintleistungen im Nachwuchsfussball fairer zu beurteilen, indem das biologische Alter stärker berücksichtigt wird. Julia Hernandez zeigt in ihrer Studie, dass bei Knaben das biologische Alter die 10-Meter-Sprintleistung besser erklärt als das chronologische Alter. Zudem veränderte sich die Einordnung der Talente deutlich: Spät entwickelte Kinder rückten in den Perzentilen nach oben, früh entwickelte nach unten. Anders gesagt: Wer Leistungen nur nach Jahrgang bewertet, unterschätzt spät entwickelte Talente oft und überschätzt früh entwickelte.
Besonders spannend ist auch der längsschnittliche Ansatz der Studie. Sie zeigt, dass Leistung im Nachwuchsfussball nicht nur als Momentaufnahme betrachtet werden sollte, sondern entlang individueller Entwicklungsverläufe. In den Darstellungen der Studie wird sichtbar, wie sich Talente über die Zeit entlang von Perzentilen entwickeln und wie Prognosen mit Unsicherheitsbereichen möglich werden. Für die Praxis bedeutet das: Nicht der heutige Vorsprung soll im Zentrum stehen, sondern die Frage, wie sich ein Talent langfristig entwickelt. Bei Mädchen fielen die Effekte in dieser Untersuchung geringer aus; zugleich macht die Studie deutlich, dass hier weitere spezifische Forschung nötig ist.
Chancengleichheit braucht aktive Bemühungen
Für uns beim SFV ist deshalb klar: Wer Talentförderung fairer gestalten will, muss den RAE und den BES gemeinsam betrachten. Der RAE erklärt Unterschiede innerhalb eines Jahrgangs aufgrund des Geburtsmonats. Der BES erklärt, wie weit Kinder und Jugendliche körperlich tatsächlich entwickelt sind. Erst wenn wir beides mitdenken, werden Vergleiche und Selektionen fairer. Bio-Banding ist dafür ein wichtiges Instrument. Zusammen mit weiteren Massnahmen wie der Sensibilisierung von Trainerinnen und Trainern, möglichst tiefen Eintrittshürden in jungen Altersklassen und zusätzlichen strukturellen Anpassungen können wir die Chancengleichheit im Nachwuchsfussball spürbar verbessern. Denn unser Anspruch ist klar: Kein Talent soll schlechtere Chancen haben, nur weil es relativ jünger oder biologisch später entwickelt ist.
Literatur
- Lüdin D et al. Effect of bio-banding on physiological and technical-tactical key performance indicators in youth elite soccer. Eur J Sport Sci. 2022 Nov;22(11):1659–1667. doi: 10.1080/17461391.2021.1974100. Epub 2021 Sep 19. PMID: 34542017.
- Hernandez J et al. Improving longitudinal performance assessment of youth soccer players: 10 m sprint percentile curves adapted to biological age. Sci Med Footb. 2026 Mar 17:1–12. doi: 10.1080/24733938.2026.2643531. Epub ahead of print. PMID: 41841522.