- Fokus: Risiko
Arbeiten unter Druck: aus dem Alltag eines Berufstauchers
Der hohe Umgebungsdruck, Strömungen und schlechte Sicht machen Einsätze unter Wasser anspruchsvoll. Um sicher zu tauchen, braucht es ein Zusammenspiel aus Technik, klarer Kommunikation und Eigenverantwortung.
14.04.2026
Da könnte einem die Lust aufs Tauchen fast vergehen: Über 20 Seiten lang beschreibt die Suva in ihrer Broschüre zum beruflichen Tauchen und Arbeiten im Überdruck, welche Wirkungen und Krankheitsbilder dabei auftreten können – Gasblasen im Blut, Barotraumata und anderes [1] (siehe auch Kasten unten zu Tauchunfällen und therapeutischen Massnahmen).
Das Risiko auf ein Minimum reduzieren
Einer, der diese Risiken zur Genüge kennt und trotzdem fast jeden Tag ins Wasser geht, ist Kevin – der Vorname genügt aus seiner Sicht. Er ist seit acht Jahren Arbeitstaucher bei der Willy Stäubli Ing. AG in Horgen, die Hafenanlagen, Seeleitungen, Wasserfassungen, Bootshäuser und vieles mehr baut, saniert und unterhält. «Natürlich gibt es im Wasser mit dem Druck, Strömungen und schlechter Sicht andere und teils grössere Gefahren als an Land», sagt Kevin. Er sitzt für das Gespräch auf einer Eckbank im gut geheizten Container auf dem Gelände der Firma, wo er sich nach dem langen Arbeitstag wieder aufwärmt. In einem Regal an der Wand stehen mehrere Tauchhelme, daneben hängen noch feuchte Taucheranzüge. «Wir reduzieren die Risiken jedoch auf ein Minimum.»
Kommunikation ist essenziell
Ein wichtiges Element ist die Ausrüstung, die nicht mit derjenigen beim Sporttauchen zu vergleichen ist. Statt einer Maske nutzen Arbeitstaucher meist einen Tauchhelm. Daran angeschlossen ist ein Schlauch, der die Oberflächenversorgung mit Atemluft sicherstellt. Als Back-up dient eine Tauchflasche auf dem Rücken. Über den Schlauch findet auch die Kommunikation mit der Oberfläche statt – meist mit einem zweiten Taucher und einer Hilfsperson. «Eine gute Kommunikation ist eines der wichtigsten Mittel, um unsere Sicherheit zu gewährleisten», erzählt Kevin. Denn die Personen an der Oberfläche überwachen nicht nur die Tauchparameter, sondern sind auch in Kontakt mit weiteren involvierten Personen, beispielsweise im Kran. «Der Kranführer sieht nicht, wo ich bin. Deshalb muss ich mich darauf verlassen können, dass er den Kran nur dann bewegt, wenn ich es sage. Eingeklemmte Finger sind auch an Land unangenehm, aber unter Wasser können sie verheerend sein.»
Arbeiten in 70 Metern Tiefe
Die meisten Baustellen, auf denen Kevin arbeitet, liegen in Tiefen von wenigen bis zu 40 Metern, vereinzelt auch darunter. So etwa beim Bau einer Trinkwasserfassung im Bodensee, bei dem er und seine Kollegen knapp 70 Meter unter Wasser arbeiteten. Eine Tiefe, in der ein Druck von acht Bar herrscht und in der das Tauchen mit Pressluft gefährlich wird: Bereits ab ca. 30 Metern kann der erhöhte Partialdruck von Stickstoff (N2) narkotisierend wirken und einen sogenannten Tiefenrausch auslösen, ab etwa 66 Metern wird der Sauerstoffpartialdruck so hoch, dass er toxisch wirken kann.
Dekompressionskammer vor Ort und Warmwasseranzüge
Um die Sicherheit der Taucher auch in dieser Extremsituation zu gewährleisten, sei das Sicherheitsdispositiv für diese Baustelle im Bodensee nochmals stark ausgebaut worden, erzählt Kevin: Unter Wasser atmeten die Taucher das Gasgemisch Trimix, bei dem der Stickstoff durch Helium ersetzt und der Sauerstoffanteil reduziert wurde. Warmwasseranzüge ermöglichten eine Tauchzeit von etwa vier Stunden – inklusive Dekompressionszeit von zwei bis drei Stunden – im vier bis fünf Grad kalten See. Über Wasser standen ein Ärzteteam und ein Helikopter in Bereitschaft, eine Dekompressionskammer war vor Ort installiert. Jeder Ablauf war durch Checklisten definiert, alle Beteiligten waren speziell geschult.
Lernen bei schlechten Bedingungen
Schweizweit gibt es um die 25 bis 30 Arbeitstaucher, alles Männer. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern existiert jedoch keine Berufsausbildung; die Schulung ist Sache der Arbeitgebenden. Kevin hat seine gesamte Tauchausbildung in der Schweiz absolviert, wo die Seen oft kalt und trüb sind. Etwas, das er weiterempfiehlt. «Kann man mit diesen Bedingungen umgehen, ist das Tauchen bei besserer Sicht und höheren Temperaturen kein Problem.» Andersherum hingegen könne es riskant werden.
Anstrengung statt Auszeit
Als Hobbytaucher hatte Kevin vor allem die kleine Auszeit geschätzt. Von dieser Ruhe bleibt bei der Arbeit kaum was übrig, im Gegenteil: Das Arbeiten unter Wasser ist spannend, vielfältig – und fordernd. «Wenn ich an Land ein Loch bohre, kann ich mich dagegenstemmen. Im Wasser drücke ich mich selbst weg», sagt der gelernte Zimmermann. Zwar gebe es Techniken, um dies zu vermeiden, «aber alle sind sehr anstrengend». Hinzu kommt die permanente Kälte, die ermüdend wirkt. Kevin schätzt deshalb die jährliche tauchmedizinische Untersuchung. «Die körperliche Belastung ist gross. Zu wissen, dass mein Körper gut damit zurechtkommt, gibt mir Sicherheit.» Bleibt dies so, kann sich Kevin gut vorstellen, bis zur Pensionierung im Beruf zu bleiben.
Eigenverantwortung ist wichtig
Ein letztes, entscheidendes Element für die Sicherheit im Wasser ist die Eigenverantwortung der Taucher. Ungünstige Strömungen, zu schlechte Sicht für gewisse Arbeiten oder ein Schnupfen, der den Druckausgleich verunmöglicht, können Tauchgänge erschweren. Was dann zu tun ist, wissen Kevin und sein Team genau: «Können wir die Sicherheit eines Tauchgangs nicht gewährleisten, gehen wir nicht ins Wasser. Kein Auftrag ist es wert, die Gesundheit oder gar das Leben zu riskieren.»
Tauchunfälle und therapeutische Massnahmen
Unfälle beim Sporttauchen sind im Vergleich mit anderen Sportarten selten (1 Todesfall auf 200 000 Tauchgänge). Tauchen bis in eine Wassertiefe von 40 Metern wird auch von den Versicherungen nicht als Risikosportart eingestuft. Bis 40 Meter Tiefe finden weltweit die meisten Tauchgänge statt.
Krankheiten (z. B. Asthma bronchiale, eine koronare Herzkrankheit etc.) können einen Zwischenfall provozieren. Solche Ereignisse können fatal enden. Deshalb hat die medizinische Beurteilung der Tauchtauglichkeit durch eine ausgebildete Tauchmedizinerin resp. einen ausgebildeten Tauchmediziner eine grosse Bedeutung für ein sicheres Tauchen.
Dekompressionskrankheit
Während des Tauchens sättigt sich der Körper mit Stickstoff (N2) auf. Beim Auftauchen wird eine gewisse N2-Übersättigung ertragen. Wird die Übersättigungstoleranz bei zu schnellem Auftauchen überschritten, entstehen im Körper N2-Blasen. Diese können zu leichten Symptomen (Pruritus, also Hautjucken, sowie Muskel-/Gelenkschmerzen) oder je nach Übersättigung zu schweren Komplikationen (Lähmungen, zentraler Schwindel, Herzinfarkt etc.) führen.
Lungenbarotrauma und arterielle Gasembolie
Bei einem sehr schnellen Aufstieg aus der Tiefe dehnt sich die Luft in den Lungen rasant aus. Bei ungenügender Ausatmung überdehnt sich die Lunge. Ein Pneumothorax kann die Folge sein. Bei intraparenchymalen Verletzungen können über angerissene Bronchien und Gefässe arterielle Gasembolien entstehen. Zerebrale Embolien sind dabei häufig und führen zu zentralnervösen Ausfällen.
Therapie von Tauchunfällen
Die möglichst rasche Entfernung des N2-Überschusses aus dem Körper ist das wichtigste Therapieziel. Mit hoch dosiertem Sauerstoff (O2) kann dies erreicht werden. Unter erhöhter O2-Zufuhr steigt der O2-Gehalt respektive sinkt der N2-Gehalt im Blut und den Geweben. Dadurch erhöht sich der N2-Gradient aus den Blasen ins Blut respektive aus dem Blut in die Alveolen. Je höher die O2-Zufuhr ist, umso schneller ist die N2-Entsättigung von Blasen und gesamtem Körper. Die höchste O2-Zufuhr wird in einer Druckkammer erreicht. Es wird dadurch nicht eine Hypoxie behandelt, sondern durch O2 als «Medikament» werden die Gasblasen im Körper aufgelöst.
Bei einem Tauchunfall ist 24/7 über die Rega (1414) unter dem Stichwort «Tauchunfall» ein Tauchmedizinerinnen und -mediziner von DAN (Divers Alert Network) erreichbar.
Für tauchmedizinische Fragen ausserhalb eines Notfalls stehen die DAN-Ärztinnen und -Ärzte gerne unter mail@daneuropesuisse.ch zur Verfügung. [2]
Literatur
- Suva, 2012. Berufliches Tauchen und Arbeiten im Überdruck, Broschüre 2869/08.D, Suva, Luzern. www.suva.ch/de-ch/download/dokument/berufliches-tauchen-und-arbeiten-im-ueberdruck/standard-variante--2869/08.D (13.2.2026).
- M. Kraus, Ch. Wölfel: Tauchmedizin in der Praxis – tiefgründige Kenntnisse sind nötig. Therapeutische Umschau 2025; 82(6): 240–244.