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Ästhetik zwischen Empathie und Ethik

Soziale Medien zelebrieren eine Oberflächlichkeit, die nur das Makellose als schön gelten lässt. Dass Schönheit auch jenseits von Filter und Photoshop existiert, zeigt die Nidwaldner Fotografin Melinda Blättler mit ihrem eindrücklichen Fotobuch «99× einzigartig».

Was ist Schönheit – und wer definiert sie? In einer Zeit, in der Filter und digitale Retuschen den Blick auf den Menschen zunehmend verzerren, bietet die Fotografin Melinda Blättler mit ihrem Fotobuch einen bewussten Gegenentwurf an. Es hinterfragt Schönheitsnormen und zeigt Menschen mit sichtbaren, aber nicht immer offensichtlichen – um Melinda Blättlers Wort zu benutzen – Einzigartigkeiten.

Ärztinnen und Ärzte sind mit körperlicher Vielfalt vertraut. Konnotierte Begriffe wie «Makel» oder «Besonderheit» entlarven jedoch, wie schwer es uns fällt, neutral über optische Nonkonformität zu sprechen. Blättlers Projekt nähert sich diesem sprachlichen und visuellen Dilemma mit viel Fingerspitzengefühl an: Ihre Schwarz-Weiss-Porträts zeigen Menschen mit Alopezie, GNE-Myopathie oder auffälligen Narben – ohne Sensationalismus und ohne Effekthascherei.

Die Schönheit des Nichtkonformen

Die Bilder bestechen besonders durch die reduzierte Bildsprache und die feinfühlige Lichtsetzung. Die Fotografin verzichtet auf grosse Inszenierungen und – im besten Sinn – auf Mitleid. Diese ästhetische Kontrolle lässt die Frage aufkommen: Ist es möglich, Verletzlichkeit zu zeigen, ohne sie zu idealisieren? Hier offenbart sich ein Grenzbereich zwischen Dokumentation, Kunst und Ethik, der für medizinische Fachleute besonders spannend ist. Er führt vor Augen, dass Wahrnehmung und Bewertung körperlicher Zeichen immer kulturell mitbestimmt sind. Und dem «Nonkonformen» bei genauerem Betrachten sehr viel Schönheit innewohnt. Die Selbstbeschreibungen der Porträtierten – kurze Sequenzen mit Hashtags – ergänzen die Bilder mit einem ironischen Seitenhieb an die sozialen Medien. Und sie erinnern daran, dass zur Selbstwahrnehmung auch Selbstdarstellung gehört; selbst dann, wenn man sich eigentlich von ihr lösen will.

99 Antworten auf eine alte Frage

Blättlers Fotobuch «99× einzigartig» ist eine bildgewaltige Einladung zur Reflexion über unser Verständnis von Schönheit, über unseren sprachlichen Umgang damit und über deren gesellschaftlichen Stellenwert. Für medizinische Fachleute unterstreicht es eindringlich die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Verständnisses der Patientinnen und Patienten als Menschen – jenseits jeder Norm und unabhängig vom Offensichtlichen. Darüber hinaus liefert es auf die Frage, was Schönheit ist, auch Antworten. Neunundneunzig an der Zahl.

Zur Person

Melinda Blättler (*1995) absolvierte die dreijährige Ausbildung zur Fotofachfrau und die dreijährige Weiterbildung zur eidg. dipl. Gestalterin HF in Kommunikationsdesign mit Vertiefungsrichtung Fotografie. Seit 2016 ist sie selbstständige Fotografin mit eigenem Fotostudio in Stansstad (NW). Sie leidet seit ihrer Kindheit an Neurodermitis.

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